
/1/
G”tzen
/2/
I. Teil
/3/
,G”tzen" Teil I.
Inhalt:
Quellenverzeichnis zum Teil I ---- 4 Seiten
Teil I (Nummeriert von 1-220;
aber durch a,b,c,d, usf.
Einfgungen) Total 228 Seiten
(unterteilt in
20 Abschnitte.)
Achtung!
Bei der Quellenverzeichnisnummer /39/
fehlt die Dokumenten Nummer. Es handelt sich um den Wetzelschen-Handschrift-
Entwurf. Darf ich Dr. Servatius bitten, diese No. In das Quellenverzeichnis unter
/39/ einsetzen zu wollen.
Adolf Eichmann
6 - 9 - 61.
/4/
G”tzen
Inhalt:
Worte fr den Lektor
Leitspruch + Widmung
Vorwort - - - - - - - - - 8 Seiten.
Adolf Eichmann
Haifa, den
6 - 9 - 61
/5/ AE: 1
Beim Anlesen und šberfligen(sic) dieses Manuskriptes, muá ich feststellen, daá
es mir zu leer und zu oberfl„chlich erscheint. Auch habe ich die Absicht, mich mit
dem ,Antisemitismus" n„her auseinanderzusetzen. Hierzu aber ben”tige ich noch
einiges Quellenstudium. Aus diesen Grnden weiá ich nicht, und habe ich nicht
den Mut zu entscheiden, ob dieses so bleiben kann wie es ist und in einem zweiten
Manuskript - gewissermaáen als Fortsetzung - das mir fehlend Erscheinende zu
bringen, oder ob ich dieses Manuskript gelegentlich vervollst„ndigen soll.
An Dr. Servatius m. d. B. um Kenntnisnahme und Beurteilung.
(Unterschriftskrzel) XI. 61.
P.S. Es ist eben doch nicht so leicht, als Gefangener ein Manuskript von sich zu
geben, welches dann erst noch einer Zensur unterzogen wird; da fhlt man sich
beim Schreiben nicht frei genug; dies muá man bercksichtigen. W„re es nur eine
,Lektorenzensur"; oder w„re ich zurck, dann wrde es sicherlich fr mich als
Skribent einfacher sein.
Am liebsten w„re mir, ich k”nnte es ausfhrlicher u. freundlicher neufassen.
(Unterschriftskrzel)
/6/
/The page numbered /19/ with Eichmann`s
instructions to the censor and instructions
regarding the use of this manuscript, should,
in my opinion, be here.
E. Friesel,10/1999/
/7/ AE: (2)
Meine pers”nliche Meinung zuvor:
Die Art meines ,Schreibens" ist eher ,sddeutsch-bajuvarisch" zu nennen. Sollte
der Lektor aus diesem Raume stammen, ist es m”glich, daá es fr das Buch von
Vorteil w„re. (Es m”ge lediglich ein Hinweis sein; meine Meinung ist nicht
kompetent.)
Betr.: Vermerk fr den Lektor:
1.) Ich kann dieses Geschehen - so sehr ich mich anfangs auch bemhte es anders
stilistisch zu formen - nicht anders wiedergeben, als in einem sachlich-nchternen
,Amtsstil". Heitere Sachen zu schildern, liegen mir mehr; aber selbst eine
leichtere, beschwingtere Feder ist hier, die Natur der Sache respektierend,
abwegig.
Wenn andere eine gewisse ,Satzauflockerung" vornehmen wollen, bin ich damit
einverstanden, denn es ist m”glich, daá es dadurch leichter lesbar wird; doch ist es
mir am liebsten, wenn es so bleiben kann.
2.) Ich habe einfach darauf los geschrieben, so wie der Schreibstift es wollte; auf
Interpunktionen und Absatzbildung nicht sonderlich geachtet. Solange der Sinn
nicht ver„ndert wird, bin ich mit textlicher Umgestaltung einverstanden. Auch
Streichungen k”nnen vorgenommen werden; keinesfalls aber Hinzufgungen. z.B.
das Vorwort k”nnte gestrichen werden.
3.) Der Teil I behandelt Schwerpunkte im seinerzeitigen Geschehen im Altreich +
™sterreich + B”hmen M„hren + Generalgouvernement, verbunden damit, die
Stellung des Befehlsempf„ngers im Durcheinander mit seiner Innenschau.
Der Teil II befaát sich mit den Reparationsangelegenheiten in 12 europ„ischen
L„ndern. Die Kristallpunkte sind dokumentarisch belegt und fhren von
Schwerpunkt zu Schwerpunkt.
Der Teil III spiegelt das Verh„ltnis zwischen
/8/ AE: (3)
dem „uáeren Geschehen von damals und meinen inneren Gefhlen wieder und
letzlich(sic), nach dem Sturz des eben noch Gltigen, sehe ich mich langsam und
nach und nach, zu einer mich befriedigenden Weltbildvorstellung gelangen.
4.) Als Titel schwebt mir ,G”tzen" vor. Ich dachte auch schon an ,Gnothi seauton".
Jedenfalls wnsche ich nicht, daá dem Buch ein anderer Titel gegeben wird, ohne
mich vorher zu befragen. Ich stelle diese beiden daher zur Wahl frei. Ich bin auch
damit einverstanden, falls Uneinigkeit bezglich eines Titels entstehen sollte, statt
meiner, die Einverst„ndniserkl„rung meines Verteitigers(sic) Hr. Dr. Servatius
einzuholen.
5.) Der Einband und Schutzumschlag m”ge einfarbig gehalten sein; etwa Perl.- oder
Taubengrau, mit klarer liniensch”ner Schrift. Es ist klar, daá ich kein Pseudonym
wnsche, da es nicht in der Natur der Sache liegt.
6.) Die Quellenangaben sind so zu verstehen:
Eins.) Teil I.
Eckige Umrandung mit fortlaufender Nummeration. Die Nummern geben im
Anhang des Buches dann die Dokumentennummern der israelischen
Staatsanwaltschaft wieder.
z.B. [1] Dokument 1182
/9/ AE: (4)
b.) Teil II.
Hier ist genau dasselbe wie unter a.), nur habe ich fr das Manuskript die runde
Umrandung (1) gew„hlt, aus dem einzigen Grunde, damit die Nummern nicht
verwechselt werden.
Aber da beim Druck unter Umst„nden ja fortlaufend durchnummeriert wird, f„llt
sowohl runde, wie eckige Umrandung fort und es bleibt im Druck lediglich die
Hinweisnummer auf das Quellenverzeichnis im Anhang stehen.
Die den Dokumentennummern vorausgesetzten Buchstaben besagen:
N = von Gericht angenommenes Beweisstck der Verteitigung(sic).
T = von Gericht angenommenes Beweisstck der Anklage.
(Viele der unter T laufenden Dokumente wurden auch seitens der
Verteitigung(sic) eingebracht; sie behielten(sic) aber, da das Gericht das Stck ja
schon hatte, mit der T-Nummer stehen).
Es fehlen mir bei einer ganzen Anzahl
/10/ AE: (5)
der Dokumenten-Nummern die Gerichtsnummeration; ich habe sie leider auch
nicht. Aber Hr. Dr. Servatius resp. Herr RA Westenbruch sind im Besitze einer
Liste, aus der diese sofort zu entnehmen sind.
7.) Ob die von Herrn Dr. zur Verfgung gehaltene Zeittafel zu den 5 Skizzen
ebenfalls dem Anhang zugefgt werden sollen, berlasse ich Hr. Dr. Servatius.
8.) Ich bitte Herrn Doktor Servatius, dem Verlag Auftrag geben zu wollen, an meinen
Freund, dem(sic) Prior des Pr„m. Klosters (Fr. Bernardus) ein Exemplar zu
schicken, ebenfalls der Studentin nach Kanada, mit freundl. Gráen von mir.
Meine Brder m”gen bitte dafr sorgen, daá meine Frau zehn Exemplare
bekommt, die sie in meinem Namen an meine Freunde, die sie nach eigener Wahl
bestimmen mag, sowie an meine S”hne mit der Bemerkung versieht:
Eins.) ,Im Auftrage meines Mannes mit freundlichen Gráen und der Bemerkung
,So war es", bersandt
Name m. Frau.
Zwei.) ,Im Auftrage Deines Vaters lieber (Name des Sohnes) mit herzlichen Gráen
gewidmet."
9.) Ein Exemplar fr mich.
Adolf Eichmann
Haifa, den 10-9-61.
/11/ AE: 3
/Pages /11/ to /17/ were found here, although
they seem to belong to the drafts.
E. Friesel, 10/1999/
,---- und er wrde seine Schattenwelt
fr wahr, die wahre Welt aber fr
unwirklich halten."
Aus Platon`s H”hlengleichnis,
,Staat"; 7. Buch.
/12/ AE: 4
Bemerkung: Dies Manuskript (Vorw., Teil I-III) gilt solange als noch nicht
abgeschlossen, bis ich eine letzte Lesung vorgenommen habe; es ist dies eine von
mir eingebaute Sicherung, damit nicht Wortkonstellationen, zu meinem Nachteil
falsch ausgelegt und gedeutet werden k”nnen. /Satz gestrichen, aber noch lesbar:
Die letzte Lesung erfolgt erst nach der Besprechung mit Dr. Servatius./
Vorwort
/von hier bis S. 15 unten durchgestrichen, einzelne Zeilen unleserlich gemacht/
Ich befinde mich im Gef„ngnis in Israel. Die Beweisaufnahme ist abgeschlossen
und in acht Tagen folgen die Pl„doyers des Generalstaatsanwaltes und meiner
Verteitigung(sic). Es werden sodann etwa zwei bis drei Monate vergehen, bis der
Gerichtshof zu einem Urteil gelangen wird. M”glicherweise geht es dann weiter
an die h”here Instanz; m”glicherweise auch nicht. Wie dem auch sei; ich sagte
w„hrend des Prozesses einmal auf eine Frage des Ankl„gers im Kreuzverh”r,
darauf werde ich antworten, wenn ich mich eines Tages hinsetzen werde um an
die jetzige und kommende Jugend, zu ihrer Warnung, einige Kapitel zu schreiben.
Vorausgesetzt, daá ich dazu die Genehmigung erhalte. Dann wrde ich ,das Kind
beim Namen nennen".
Nun, der Pr„sident des Gerichtshofes verlangte die ,Nennung" bereits w„hrend
des Verfahrens von mir. Ich gehorchte und sagte, daá das Geschehen mit den
Juden, welches die damalige deutsche Reichsregierung w„hrend der Jahre des
letzten groáen Krieges in`s Werk setzte, das kapitalste Verbrechen in der
Menschheitsgeschichte darstelle. -
Ich habe mich also entschlossen, die Zeit des Wartens auf das Urteil zu bentzen,
besser gesagt auszuntzen, und daá(sic) in die Tat
/13/ AE: 5
umzusetzen, was ich verkndete. Es drfte kaum schaden; eher hingegen zum
Nachdenken anregen, wie es einem Menschen so im Leben ergehen kann. Ich war
von tausend Idealen beseelt und schlitterte gleich vielen anderen in eine Sache
hinein, aus der man nicht mehr herausfand. Ich habe heute einen zeitlichen
Abstand von den Geschehnissen, der zwischen 16-29 Jahren liegt. Und vieles
ehemals Gltiges ist ungltig geworden. Ehemals ,weltanschauliche Werte" habe
ich als Germpel, allm„hlich im Laufe der Jahre ber Bord geworfen. /8 Zeilen
bis Ende des Abschnitts unleserlich gemacht/
Weil ich H”lle, Tod und Teufel sah, weil ich dem Wahnsinn der Vernichtung
zusehen muáte, weil ich als eines der vielen Pferde in den Sielen mit eingespannt
war und gem„á dem Willen und den Befehlen der Kutscher weder nach links noch
nach rechts ausbrechen konnte, fhle ich mich berufen und habe das Verlangen,
hier zu erz„hlen und Kunde zu geben von dem, was geschah. Es ist sicher ein
trauriges Resum‚e, wenn ich feststellen muá, daá ich in der Lage bin, das
/14/ AE: 6
ungeheure Volumen alleine der organisatorischen Voraussetzungen, welche das
Geschehen erm”glichten, zu umfassen und zu bersehen. Die meisten jener
Akteure, die ja nun so oder so in die Geschichte eingehen werden, kannte ich,
sprach zum Teil mit ihnen und vermag sie ann„hernd zu beurteilen.
/2 Abschnitte von 8 bzw. 5 Zeilen unleserlich gemacht/
Ich werde das Leben jener Zeit schildern, so wie es war, so wie ich es erlebte und
gesehen habe. Nichts werde ich zu besch”nigen versuchen. Ich schreibe zu
niemandes Ruhm und Ehre; was sind es fr verlogene, selbstbeweihr„uchernde
Begriffe! Was ich gestern noch glaubte anbeten zu máen, liegt heute im Schutt
des Gestrzten.
Ich werde den V”lkermord am Judentum schildern, wie er geschah und gebe dazu
meine Gedanken von gestern und heute. Denn nicht nur die Felder
/15/ AE: 7
des Todes muáte ich sehen mit eigenen Augen, die Schlachtfelder auf denen das
Leben erstarb, ich sah weit Schlimmeres. Ich sah, wie durch wenige Worte, durch
den einzigen knappen, kurzen Befehl eines Einzelnen, dem die Staatsfhrung als
Befehlsgeber dazu die Macht verlieh, solche Lebensausl”schungsfelder
geschaffen wurden. Und ich sah die Unheimlichkeit des Ablaufens der
Todesmaschinerie; R„dchen in R„dchen greifend, gleich dem Werk einer Uhr.
Und ich sah jene, die da achteten auf den Gang des Werkes; auf den Fortgang. Ich
sah sie, das Werk stets von neuem aufziehen; und sie beobachteten den Zeiger der
Sekunden, welche eben dahineilten; dahineilten, wie die Leben zum Tode.
Den grӇten und gewaltigsten Totentanz aller Zeiten.
Den sah ich.
Und ihn zu beschreiben, zur Warnung schick ich mich an. Adolf
Eichmann
6 - 9 - 61.
/3 nachtr„gliche Zus„tze:
(Siehe dazu meine Fuánote bezglich der Wortw„gung. Gilt sinngem„á fr alle
Kapitel.)
(Anschlieáend folgt mein Schluáwort, welches ich in meinem Prozess zu
Jerusalem gehalten habe.)
Bemerkung: Man darf diese und andere schriftstellerischen Worte keinesfalls mit der
Waage der juristischen Paragraphen w„gen.
/16/
,G”tzen"
Dieses ist mein Schluáwort, welches ich in dem Prozess zu Jerusalem am /Platz
fr Datum offengelassen/ 1961, gem„á meinen Erfahrungen und gem„á meinen
Empfindungen, gehalten habe:
/17/ AE: 8.
/I. Teil, unleserlich gemacht/
/18/ AE: 1
Teil I
-(1)-
/3 Zeilen samt Zus„tzen unleserlich gemacht, die 4. durchgestrichen, aber
leserlich:
weiá, mit wem man es zu tun hat./
Als ein Menschenkind, trat ich am 19. M„rz 1906 in das Leben. In Solingen, im
Rheinland, wurde ich geboren, als erster Sohn der Eheleute Wolf und Maria
Eichmann. Wenige Tage nach meiner Geburt wurde ich auf den Namen Adolf
Otto, nach dem Ritus der evangelischen Konfession, helvetischer Richtung,
getauft. Noch als kleines Kind zog ich mit meinen Eltern nach Linz a/Donau,
Ober”sterreich, wo mein Vater als kaufm„nnischer Direktor der Linzer
Straáenbahn und Elektrizit„tsgesellschaft t„tig war und sich glaublich(sic) in den
zwanziger Jahren pensionieren lieá um ein Elektrowarenunternehmen zu grnden.
Nach Besuch der Volksschule und vier Jahren Realschule absolvierte ich
zwei Jahrg„nge einer h”heren technischen Bundeslehranstalt. In den Jahren 1925
bis 1927 war ich als Verkaufsbeamter der ,Ober”sterreichischen Elektrobau
A.G." in Linz a/Donau, sodann bis Juni 1933, als Verkaufsbeamter der
,™sterreichischen Vacuum Oil Company A.G.", Filialdirektion Linz und
Salzburg, t„tig gewesen.
Das damalige Linz a/Donau war ein vertr„umtes, kleines, liebliches und
sauberes Provinzhauptst„dtchen, im Zentrum des vorwiegend b„uerlichen
Ober”sterreich. Da war das weizenschwere Innviertel, das
/19/
/Found here. - In my opinion, belongs
to page numbered /6/.
E. Friesel, 10/1999/
Bemerkung fr die Zensur:
1.) Diese schriftstellerische Arbeit kann nicht mit der Waage der Rechtsparagraphen
gewogen werden. /Signaturkrzel/
2.) Dieser Manuskriptverband darf ohne der Zustimmung von Dr. Servatius, nicht
ver”ffentlicht werden. (Gilt fr das gesamte Manuskript).
Ich bin mit Dr. Servatius dahingehend verblieben, daá, falls er dieses Manuskript
nicht zur Ver”ffentlichung ausgeh„ndigt bekommt, (und zwar bis zu seiner
Rckkehr nach Deutschland vor Weihnachten) ihm Gelegenheit gegeben sein
m”ge, bei der Vernichtung des Geschriebenen, anwesend zu sein.
/Signaturkrzel/
/20/ AE: 2
braunkohlenreiche Hansruckviertel, das damals schon dem Fremdenverkehr sehr
erschlossene Traunviertel mit seiner Perle Gmunden am Traunsee, und dem
ober”sterreichischen Hausberg, dem Traunstein, dem W„chter der beginnenden
Hochalpenwelt.
Ganz besonders verliebt aber war ich in das reizvolle Mhlviertel. Das Viertel, der
vielen sagenumwobenen Ruinen und Burgen. Und hier war es das obere
Mhlviertel, daá(sic) ich ganz besonders in mein Herz geschlossen habe.
Die Heimat eines Adalbert Stifter; der ewige B”hmerwald, dessen Ausl„ufer tief
in das Obere Mhlviertel hineingreifen, mit den romantischen, braunw„sserigen,
kleinen linken Fláchen. Die vielen hurtigen forellenbewohnten B„che, die sich
durch das, gegen die Donau zu abfallende, b”hmisch-m„hrische Granitplateau,
seit undenklichen Zeiten ihren Weg zum groáen Wassersammler Donau, bahnen.
Diesen herrlichen Fleck der Erde durfte ich meine zweite Heimat nennen und in
diesem Kleinod Ober”sterreich, verlebte ich dank der steten Frsorge meiner
Eltern eine herrliche, unbeschwerte Jugendzeit.
Und auch als junger Mann - wie man zu sagen pflegte - waren es Tage von
Liebe, Lenz und Leben, die mir geboten wurden. Motorsport, Bergsport, Arbeit,
Kaffeehaus, Freunde auch Freundinnen - warum auch nicht - fllten die Tage und
Jahre aus.
Gar manche heimelige Weinstube lockte
/21/ AE: 3
zur Einkehr und in ihren alten Gem„uern lieá es sich gut sitzen. Eine solche
Weinstube kannte ich, deren Existenz bis in das dreizehnte Jahrhundert
zurckzuverfolgen war. Und der ,Gumpoldskirchner" schmeckte nach jedem
Viertel besser auch ohne Schrammeln und Zigeunermusik. Man lebte im
Ph„akenland; eben in Ober”sterreich. Und fuhr man auf den Postlingberg, das
Wahrzeichen von Linz, dann war der erste Weg mit der kleinen Freundin, zu
Meister Bugele, dem Oberg„rtner der herrlich-sch”nen Gartenanlagen auf diesem
Berg, mit seinen tausend oder mehr Rosenst”cken. Ihn um einen Strauá Rosen fr
die Angebetete zu bitten, war fr diesen Meister der Blumen, Str„ucher und
B„ume stets groáe Freude, kannte er mich doch schon als kleinen Lausbuben,
wenn ich Samstags an der Hand meines Vaters, die Anlagen besuchte. Mein alter
Herr hatte seinerzeit viel zur Hebung dieser Augenweide, welche damals zum
Besitztum der Linzer Straáenbahn- und Elektrizit„tsgesellschaft geh”rte, getan
und meinen Freund Bugele, zum Oberg„rtner dieses Paradises(sic) bestellt. -
Nichts h„tte diese heiter-frohe und unbeschwerte Lebenslust zu st”ren vermocht
w„ren die ,G”tter" nicht auch bis nach Ober”sterreich gekommen. Bei mir
klopften sie bereits seit 1931 an, und ab und an auch schon frher; sie
vereinnahmten mich dann genau am 1. April 1932.
/22/ AE: 4
Ja Freunde, heute zurckschauend, es sind bald 30 Jahre her, muá ich sagen
,wenn es dem Esel zu gut geht, dann geht er auf`s Eis, um zu tanzen."
-(2)-
Nun ja, es gab damals verschiedenartig eingestellte junge Leute, so wie es solche
zu allen Zeiten gegeben haben mag und immer geben wird. Ich war durch die
Schule und Gesellschaft in der ich mich bewegte, kurz durch meine Umgebung
die mich beeinfluáte - und welche Umgebung vermag einen jungen Menschen
nicht zu formen - zur nationalistischen Richtung hin gelenkt worden.
Und welchem Nationalisten brannten nicht /gestrichen: die Worte/ das Wort
,Versailles". Natrlich verstand man im Anfang nichts davon. Aber das
Verst„ndnis hierfr wurde schon geweckt; Zeitungen, Gespr„che und Bcher
sorgten dafr. Und man erz„hle einem jungen Menschen in dieser Richtung
tendierend, von nationaler Schmach, von Verrat, vom Dolchstoá, welcher der
deutschen Armee zuteil ward, von nationaler Not und Elend; Herrgott, da packt es
einen halt, da ger„t das Blut in Wallung. Und dann h”rt man durch die
Propaganda, daá da eine Partei ist, welche die Schmachbeseitigung auf ihr Banner
geschrieben hat. Die Beendigung der nationalen N”te versprach, den Dolch aus
der Wunde zu ziehen sich anschickte, die Gleichberechtigung auf dem
wehrm„áigen Sektor zu erk„mpfen bestrebt war und die Arbeitlosgkeit in die
unterste H”lle verdammte. Und dann
/23/ AE: 5
sitzt man in solch einem Weinstberl, vor seinem ,Viertel", im Bierstberl vor
seinem ,Krgerl" oder im Caffee vor seinem ,Schwarzen" und liest den
,V”lkischen Beobachter", man liest vom Tod der SA und SS-M„nner; man
lieát(sic) heldische Worte ber heldischen Tod; ber mannhaftes Sterben und
furchtlose Treue. Und ich sag es noch einmal, welchen Burschen, nationalistischer
Tendenz, ,packte" es da nicht.
Da war kein Wort von Jude und Judentum; und laá(sic) man es ab und zu in
besonderen Artikeln, wer nahm solches ernst? Wer machte sich dieserhalb
berhaupt šberlegungen. Mag sein die Žlteren und Alten. Uns Burschen
interessierte alleine, und einzig und alleine, das Heldische. Mit zu helfen an der
Beseitigung, an der Ausrottung einer Schmach.
Rot sah man beim Wort ,Versailles". Bereit zu allem, dieses Wort, im Sinne von
Schmach, zu vernichten, zu zerstampfen; dafr auch wenn es sein muá zu leiden.
Es muáte ausgel”scht werden. Und diejenigen, welche dazu aufforderten waren
unsere G”tter.
So muá es in alten, in uralten Zeiten gewesen sein, wenn man den Heldensagen
trauen konnte.
Aber warum sollte man ihnen denn nicht trauen?
/24/ AE: 6
Die >Herz”ge<, die >Gefolgschaft<; die Herzogstreue und Gefolgschaftstreue.
Ich verschrieb mich den G”ttern mit Haut und mit Haren(sic). Ja, teilweise diesen
G”ttern zuliebe verlieá ich das ,Landel ob der Enns", mein geliebtes
Ober”sterreich. Freilich war der Abschied vom Landl schwer, der Abschied von
Eltern und Geschwistern; der Abschied von meiner Verlobten. Vorbei war das
regelm„áige Wochendverleben(sic) in fr”hlicher Zweisamkeit, sei es in
Sdb”hmen, sei es in Ober”sterreich. Vorbei war es, eigener Herr seiner Zeit zu
sein. Fremdes, Unbekanntes lag vor mir. Aber Dienst an den G”ttern, meinem
Vaterland zuliebe schien mir gleichwichtig zu sein, denn sonst w„re ich ja
geblieben.
Tausend und mehr Str„nge zogen mich zu bleiben, aber ebenso viele zogen mich
zu den G”ttern.
Und ich diente ihnen.
Ich diente ihnen mit dem ganzen Glauben den ich aufzubringen vermochte;
kein Opfer schien mir zu gering.
Keine Strapaze zu groá.
Ja, je grӇer Opfer und Strapazen und Entbehrungen, desto grӇer schien mir die
Tat fr das Werk, welches die G”tter versprachen zu tun.
Schlafen auf nackter Erde, im Stroh, auf Strohs„cken, scharfer und sch„rfster
/25/ AE: 7
Exerzierdienst bei der Truppe; vom Robben abgeschundene Ellenbogen und Knie;
Kadavergehorsam und Einschr„nkung der Freizgigkeit tauschte ich ein, gegen
das gutbrgerlich eingerichtete behagliche Elternhaus, gegen Kaffeehaus und
Weinstberl, gegen Motorsport, Bergsport und dem Zusammensein Jungverlobter.
Wahrlich, ich diente den G”ttern aus freien Stcken; wahrlich ich opferte ihnen
zuliebe viel.
Aber was galt es schon; wenn nur das Vaterland frei werden konnte und Not und
Elend der Deutschen ein Ende fand.
Im Jahre 1934, an einem sonnigen Herbstmorgen kam ich von dem ersten
Bataillon des Regimentes SS 1 nach Berlin, zum SD-Hauptamt versetzt, am
Anhalter Bahnhof an. Nach durchfahrener Nacht war eine kleine Erfrischung sehr
wichtig und brauchbar. Ich begab mich in einem(sic), dem Bahnhof
gegenberliegenden, Friseurladen und lieá mir nach erfolgter Rasur, heiáe
Kompressen auf`s Gesicht legen, um die šbern„chtigkeit zu verscheuchen. Und
schlenderte sodann in eine ,Aschinger-Kneipe", gleich neben dem Friseur. Einige
Mollen Helles und ebensoviele Schn„pslein, dazwischen ein ordentliches
Gullasch(sic)
/26/ AE: 8
mit frischen, knusprigen Br”tchen, waren just das richtige Frhstck fr einen
Unteroffizier in der SS-Verfgungstruppe, der Vorl„uferin der sp„teren Waffen
SS.
Als solcher hatte ich mich freiwillig zum Sicherheitsdienst des Reichsfhrers SS,
gemeldet. Sicherheitsbegleitpersonal fr die G”tter. Warum auch nicht; ich stellte
es mir sehr interessant vor. Erst sp„ter sollte ich draufkommen, daá ich einem
Irrtum zum Opfer gefallen war. Das Begleitpersonal fr die G”tter hieá
Reichssicherheitsdienst. Der Sicherheitsdienst des Reichsfhrers SS, war etwas
ganz anderes.
Vorl„ufig ahnte ich aber noch nichts.Vorl„ufig suchte ich ein Kaffeehaus. Kaffee
war fr alles gut. Gut zum d”sen, gut um den Geruch von Aschingers Biermollen
zu t”ten und bei der Truppe benutzten wir ihn Jahr und Tag zum Fleckenputzen an
unseren schwarzen Uniformen. Freilich, zum Exerzierdienst hatten wir feldgrau
oder was am l„stigsten war, hellgraue bis fast an das Weiáliche grenzende
Drilliche, welche leicht schmutzten.
Mit souver„ner Unteroffiziersruhe im Bauch, begab ich mich nun zu der mir
befohlenen Dienststelle, ein Palais in der Wilhelmstraáe 102, um mich zum
/27/ AE: 9
Dienst zu melden. Ob ich verheiratet oder ledig sei. Dies war die erste Frage, die
mir der Offizier vom Dienst stellte. Ledig. Natrlich, meine Braut war ja in
Sdb”hmen, und an eine Heirat wegen meiner vorbergehenden Verhinderung im
Augenblick nicht zu denken.
Ledige sind kaserniert; wenn Sie heiraten, k”nnen Sie drauáen wohnen, gab man
mir zur Antwort.
Na sch”n dachte ich mir, irgendwo muá der Mensch ja hingeh”ren. Zu den Eltern,
in die Kaserne oder zur Ehefrau.
Also ging ich zum Kammerbullen. Bisher hatten wir Unteroffiziere stets so eine
Art stillschweigend geduldeter Ordonanzen zur pers”nlichen Dienstleistung zur
Verfgung gehabt; je vier Unteroffiziere eine Ordonnanz(sic). Er trank frei,
rauchte frei auf unsere Kosten und hatte seine vier Unteroffiziere zu Freunden, die
ihn gegen Tod und Teufel verteitigten(sic), fraá er etwas gegen das
Dienstreglement aus. Auáerdem hatte er nur allerleichtesten Exerzierdienst. Aber
meistens verstand er es, sich sogar von diesem zu drcken.
Hier aber schmiá mir der Kammerbulle meine blauweiákarrierten Bettklamotten
an meinen pers”nlichen Kragen; Decken und Leintuch folgten und dann damit auf
die Stube.
Was dann noch an Kramzeug mehr war,
/28/ AE: 10
war der bliche Kasernenzinober(sic), war altbekannt und nichts Neues.
Nachmittags wurde ich vereidigt. Zwar hatte ich beim Tode des
Reichspr„sidenten Generalfeldmarschall von Hindenburg den Fahneneid auf
Fhrer, Reichskanzler und Vaterland geleistet; jetzt also nochmal, aber in einer
anderen Form; mit der Geheimhaltungsverpflichtung.
Mich hatte es an sich schon mehr als stutzig gemacht, als ich zwecks
Eidesleistung im Dienstanzug mit Stahlhelm, zu einem SS-Offizier gefhrt wurde
und dabei einige museum„hnliche R„ume durchschreiten muáte, auch sah ich
einen Sarg in einem dieser R„ume stehen, mit groáer Glasplatte, indem(sic) ein
menschliches Gerippe lag, aber ich hatte zu sehr auf meine Fáe zu achten, denn
meine schweren Stiefel vertrugen sich nicht mit dem glatt gewichsten, gl„nzenden
Fuáboden und bei Kurven hatte ich Mhe nicht auszurutschen.
Merkwrdig dachte ich mir; alles sehr merkwrdig. Aber m”glicherweise war der
Stab in einem Museum untergebracht, ging es mir durch den Sinn. Man fand die
Dienststellen in jener Zeit ja an allen Ecken und Enden, wo man sie nie vermutet
h„ttte. Auáerdem kam ich von der Truppe und hatte mich um solchen Kram
/29/ AE: 11
nicht zu kmmern. Behandelt wurde ich ohnedies, als sei ich Rekrut, der eben erst
frisch eingezogen war. Und es ist erstaunlich, zu welchem Maá an Leiden,
einem(sic) eingedrillter Kadavergehorsam mit einem geh”rigen Schuá Idealismus
gepaart, f„hig macht. Natrlich muá es jedem rechtschaffenen Unteroffizier
schwer, sehr schwer fallen, wenn er im Verein der elf weiteren Stubengef„hrten,
mit denen er zusammenwohnte, von denen nur zwei, ebenfalls gediente
Unteroffiziere waren, der Rest aber eine Kaserne h”chstens vom
H”hrensagen(sic) kannte - allenfalls, auf Grund eines ,Schnellsiederkurses" von
acht Wochen, - Samstag fr Samstag den Boden zu schruppen, die Hocker und
Tische zu scheuern hatte und im Spind nach einer anderen, neuartigen Ordnung
die Klamotten zu legen kamen (sic). Und sich dabei von einem Feldwebel der
,allgemeinen SS" also zivilen SS, der ebenfalls als ,Waffentr„ger der Nation"
seine Dienstzeit noch nicht einmal angefangen hatte, sondern seinen Rang in dem
SD, von der allgemeinen SS, also Zivil SS, mitbrachte, kommandieren zu lassen,
wobei ihm seine herzliche Genugtuung, es den ,Herrn Unteroffizieren von der
Truppe" einmal ,geben" zu k”nnen, auf tausend Meter Entfernung, anzumerken
war.
Es war auch keine Freude, frh morgens im Park des Palais, zum Exerzieren
/30/ AE: 12
anzutreten. Nicht des exerzieren Wegens (sic); dies war im Gegenteil noch das
einzig erfreuliche(sic) an dem ganzen Dienstbetrieb. Nein, das Wurmende und der
nagende Zorn kam daher, daá Hanswrste denen selbst die Bedienung an einem
Maschienengewehr(sic) fremd war, Sonntagsexerziermeister der allgemeinen SS
also, uns hier die ”desten und bl”desten Bewegungen machen lieáen; wir drei
Gedienten der ,Stube zw”lf", wurden durch diese Taktik zwar bis an den Rand
unserer Geduld getrieben; aber wir parierten; wir gehorchten.
Nach wenigen Tagen kam ich dahinter, daá ich an der verkehrten Stelle gelandet
war, und ein Abgang zum Reichssicherheitsdienst, nicht gestattet wurde.
Jetzt war der Galeerenstr„fling fertig. Mit unsichtbaren Ketten fhlte ich mich an
einen Karteitrog angebunden und hatte die Aufgabe, im Verein mit einem halben
Dutzend anderer Kameraden, die Freimaurerkartei, aus Zehntausenden von
Karteikasten bestehend, zu schreiben, zu ordnen und einzuordnen.
Der schwerste Kampf, der in diesen Tagen auszufechten war, war der Kampf
gegen den Schlaf.
Man wird einwerfen, ja groáer Herrgott, wenn ich irgendwo gegen mein Wollen
mit einer Arbeit, welche mir gegen den
/31/ AE: 13
Strich geht, als freier Mensch, eingespanntt werden soll, da macht man einfach
Schluá damit, oder man ist ein Waschlappen, dem eben nichts besseres gebhrt.
Kaserne na ja, gut und sch”n; da hat man zu gehorchen, daá(sic) weiá ein jeder.
Aber in einer Kanzlei, in einem Amt, da hau ich einfach auf den Tisch, sage
meine Meinung und wetze aus dem Tempel raus. Noch dazu wenn man
inzwischen ein Kerl von 28 Jahren geworden ist.
Genau dieselben Gedanken hatte auch ich um jene Zeit und mit mir eine Anzahl
meiner Stubengef„hrten.
Aber da waren die G”tter, denen ich ja dienen wollte.
Und die weltanschauliche Schulung, der man uns am Anfange unterzog, brachte
uns noch n„her an sie.
Das Leben des alten Preuáenk”nigs, Friedrich des Groáen wurde uns in den
lebendigsten Formen, von Meistern auf diesem Gebiete, lebensnahe gebracht.
Volksbindung und Blutsbande in den leuchtendsten Farben idealisiert.
Der Dienst am Volk, der Dienst am Fhrer als ein geheiligtes Privilegium
gepredigt. Fr die Freiheit des Vaterlandes alles hinzugeben, als h”chste
Verpflichtung und freudiges, jederzeitiges Wollen, eingeh„mmert.
Und ich glaubte es; mit allen Fasern
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meines Glaubens, den aufzubringen ich in der Lage war.
So tat ich denn meinen Dienst; Schreibtischdienst, der mir weder physisch noch
psychisch lag; der fr mich eine Qual bedeutete; zu dem ich mich jeden Tag auf`s
Neue selbst k„mpfend besiegen muáte, ehvor ich an das befohlene Tagewerk
ging.
(3)
Der Mensch gew”hnt sich an alles, wenn es sein muá. Und nachdem die Macht
der Gewohnheit groáe Prozents„tze des Widerwillens an der nichtbehagenden
T„tigkeit verschluckt hatte, die weltanschaulichen Belehrungen einen weiteren
Teil unter den Tisch schlug(sic), blieben relativ nur noch geringe Rckst„nde des
Widerwillens an der Oberfl„che und auch diese wurden alsbald bertncht durch
die nicht ableugbaren Erfolge der Fhrung des Reiches, die sie fr das deutsche
Volk erlangten. Die groáe politische Linie sah unsereiner ja nicht.
Auslandsmeldungen durch Presse und Rundfunk gelangten noch nicht zu uns;
dazu waren wir zu geringe Diener an Volk und Staat. Die internationalen
Verflechtungen im politischen Geschen(sic), waren damals auch mir noch
,B”hmische D”rfer".
Aber auch ich sah das Verschwinden der Arbeitslosenarmeen, die Militarisierung
der Rheinlandzone,
/33/ AE: 15
die Wiederherstellung der Wehrhoheit; den frenetischen Jubel der
Millionenmassen, wenn die G”tter sich zeigten. Und meine Verhaftung an diese
war eine stets fhlbarere.
Aber es waren schlieálich doch nur irdische G”tter. Bewuát und unbewuát wehrte
ich mich, ihnen mit meinem allerletzten inneren Ich zu verfallen. Das Vaterland,
die Freiheit, ja.
Bedingungslos!
Die Seele, daá(sic) was dann kommt, wenn die Stunde da ist, und diese irdischen
Werte aufh”ren Gegenstand des Hoffens, Glaubens und Wirkens zu sein, dies
behielt ich als ein Privatissimum, ber welches ausschlieálich nur ich selbst
entscheiden konnte und wollte. Hier lieá ich auch die G”tter nicht heran, so sehr
ich ihnen sonst gl„ubig verfallen war.
Hier war die elterliche Erziehung und die innere Bindung an die von Generation
zu Generation berlieferten Werte noch zu stark, um dem
Einbruchsversuchen(sic) nachzugeben. Hier war ich stur.
Stur wie die neuen schweren Panzer, welche eben zur Hebung der Herzensfreude
und als sichtbare Garanten der Freiheit, in Erscheinung traten.
Stur wie die Kurse der neuen Bombengeschwader, welche unbeirrbar am
/34/ AE: 16
berliner Himmel dahindonnerten.
Meine Bindung an die Kirche! Fast alle meine Kameraden waren l„ngst aus den
Religionsgemeinschaften ausgetreten und wetzten nun den Schnabel in Zoten und
Verleumdungen gegen Kirche und Klerisei.
Und hatten sie Alkohol im Bauch, dann wollte damit einer den anderen, im
Wettstreit mit ihrer Dummheit, bertrumpfen. Natrlich war ich dann stets
besonders eine willkommene Zielscheibe, freilich nicht b”se gemeinten,
Kameradenspottes. Schon in der Kaserne fing es an. Es geh”rte zum neuen Ton,
selbstverst„ndlich den Kirchenaustrittschein zu bringen. Nicht daá von seiten der
Obrigkeit darauf gedr„ngt wurde; dies w„re unwahr. Mag sein, daá dies im
Parteileben blich war. Bei den SS-Verfgungstruppen und selbst auch im SD-
Hauptamt, war es nicht blich. Aber der Kameradenspott grob, ja saugrob, freilich
landserhaft gutmtig, doch nicht ohne Stachel und Dorn, der sorgte dafr und
auch die Hoffnung auf schnelles Avancement tat das ihre, diese Austrittsscheine
im allgemeinen baldigst zu holen.
Bei der Truppe hatte ich dieser halb bald Ruhe.
Denn wie es unter jungen Menschen schon einmal so blich ist, z„hlte alles
andere oftmals nicht halb so viel,
/35/ AE: 17
wenn der Betreffende ein guter Sportler ist.
Das gefrchtete Ger„t in jener Zeit, war die Eskladierwand. Eine zwei Meter und
einiges, hohe und starke Bretterwand, ber die es in mehr oder weniger eleganter
Weise hinber zu wetzen galt. Hier arbeiteten die Hintern, Knie und Fuáspitzen,
verzweifelt mit der Muskulatur der Arme, um die runden 70 Kilogramm
Landserlebendgewicht, auf die andere Seite zu bef”rdern.
Die ,Taugenichtse" gingen in das Vermerkbuch des ,Spieá"; zwecks
Dienstleistung in der Kche zum verhaáten Kartoffelsch„len, zum
Abortbrillenputzen, denn gelernte Optiker gab es stets nur sehr wenige, oder gar
keine, und diese T„tigkeit wurde dann meistens von diesen Nichtsk”nnern
verlangt, wenn die brige Kompanie Ausgang hatte, und mit Fr„ulein Braut in`s
Grne abhauen konnte.
Ich hatte den Vorzug - in jener Zeit hatte ich noch eine turnerische und sportliche
,Ader" - mhelos und sogar elegant ber jene Wand zu kommen und wurde
auszeichnungshalber, zwecks leichter Hilfeleistung, welche nur mit Fingerspitzen
gegeben werden durfte, vom Kompaniechef abgestellt. Dies war eine bliche
Erleichterung.
/36/ AE: 18
Aber in der Regel hatten die Hilfeleister ihre allergrӇte Freude an einer
Behinderung und Erschwerung, statt umgekehrt. Dies geh”rte ebenfalls zum
allgemeinen ,Flachs" und Ulk. Freude auf Kosten anderer. Ja, das Kasernhofleben
war eben rauh aber herzlich. Ich leistete damals in Wahrheit, vorzgliche
Hilfestellung. Es gengte meist ein leichter Druck auf eine der in der Luft
herumorgelnden Hinternbacken, und der Kerl war drber. Das Znglein an der
Wage(sic) gewissermaáen. Und da gerade Samstag vormittag war und der
Stabsfeldwebel keine Notierungen zu machen hatte, kamen die Herren der
Kompanie alle mit ihren geehrten Br„uten zu ihrem Wochenendvergngen.
Ich wurde seit damals, so wenig die Motive selbst auch zusammenhingen, in
religi”sen Dingen nicht mehr bel„stigt.
Als ich 1935 Hochzeit machte, fand diese in der evangelischen Kirche zu Passau
statt; in Uniform.
Hier freilich versuchten meine damaligen Vorgesetzten zu intervenieren und
wiesen auf die Unm”glichkeit hin.
Aber die Panzer waren ja auch stur. -
Erst im Herbst 1937, ich war jedenfalls schon seit einer kleinen Ewigkeit
Hauptfeldwebel, trat ich ohne Druck oder Zwang, aus freien Stcken und in voller
šberlegung aus dem evangelischen Religions-
/37, 38/ AE: 19
Verband aus und bezeichnete mich ab dieser Zeit, als ,gottgl„ubig". Daran hat
sich bis heute nichts ge„ndert. Ich wurde weder ein Kirchenfeind, noch war ich je
antiklerikal. Ich sah die Notwendigkeit religi”ser Gemeinschaften aus ethischen
und aus Grnden der Erziehung als wichtig an, aber ich wollte frei und ohne
kirchliche Bindung im Verkehr zwischen meinem Herrgott und mir sein.
Auáerdem widerte mich der seinerzeitige Kampf innerhalb der evangelischen
Kirche so an, daá ich nichts mehr von ihr wissen wollte. Die eine Seite war Feuer
und Flamme fr die neuen G”tter und ihr Tun; die andere Seite bek„mpften sie
auf Tod und Teufel.
/Der folgende Abschnitt ist gegenber von S. 17 nachtr„glich notiert, geh”rt
offenbar hierher:
Nicht die Tatsache des Kampfes gegen den damaligen Staat selbst war es, der
mich zur Distanzierung zwang, als vielmehr die šberlegungen, ,daá es kaum
g”ttlichen Wnschen entsprechen mochte", wenn seine verordneten Diener sich
derart eifernd und gegenseitig verunglimpfend, in irdische Belange einlieáen und
sich gegenseitig ,in die Wolle" bekamen. Hinzu kamen meine Zweifel in
glaubensm„áiger Hinsicht, die ich an anderer Stelle noch einmal streife./
Da lobte ich mir damals die r”misch-katholische Kirche; sie holte ihren
Wertmaástab erst gar nicht aus der Kiste. Sie war gewohnt in Jahrhunderten zu
denken, zu messen und zu w„gen. W„re ich damals Katholik gewesen und nicht
Protestant, ich w„re stur als solcher im Kirchenverbande geblieben. Man hatte
sich ja schon seit drei langen Jahren daran gew”hnt gehabt, daá ich einer der ganz
wenigen, wenn nicht der einzige war, der hier so lange stur blieb. Freilich muá ich
einschr„nkend hinzufgen, daá ich auf der anderen Seite aber auch in keiner
/39/ AE: 20
Form etwa missionierend oder sonst irgendwie predigend t„tig geworden bin.
Solches h„tte ich nie und nimmer getan. Ich verteitigte(sic) ausschlieálich meine
eigene pers”nliche Stellung zu den mir anerzogenen Werten und šberlieferungen;
bis auf den Tag, an dem ich aus eigener Erkenntnis, die Dinge in einer mich
innerlich befriedigenderen anderen Helle sah.
Ja, und wie war es mit der Judenfrage in jener Zeit und wie stand ich zu ihr.
Als ich im Herbst 1934 in das SD-Hauptamt versetzt wurde, gab es dort berhaupt
noch kein Referat und keinen Sachbearbeiter, der sich mit Juden zu besch„ftigen
hatte. Dies war erst im Laufe des Jahres 1936 der Fall.
W„hrend des Prozesses, und zwar innerhalb des etwa 10 Tage dauernden
Kreuzverh”res, frug mich einer der drei Richter, oder war es der
Generalstaatsanwalt, bezglich meiner seinerzeitigen Einstellung zum Programm
der ,Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter Partei", ob es mir bekannt
gewesen sei, und ich doch zweifelsohne gewuát haben muáte, daá diese Partei
den Kampf gegen das Judentum, als einen nicht zu bersehenden Faktor ebenfalls
auf ihr Panier geschrieben hatte; also máte ich doch auch Antisemit gewesen
sein.
Ich konnte diese Frage sehr einfach und wahrheitsgem„á beantworten, indem ich
/40/ AE: 21
sagte, daá ich den Judenprogrammpunkt wohl gekannt habe, doch niemals
Antisemit war. Nun, diejenigen der israelischen Polizeibeamten, mit denen ich
w„hrend der Voruntersuchung laufend zu tun hatte, kannten die n„heren
Umst„nde, die mich berechtigten, eine solche Antwort zu geben. Auch mit einem
Psychiater unterhielt ich mich ber diese Frage. Es ist blich, daá Angeklagte in
gr”áeren Prozessen im Laufe der Voruntersuchung sich mit solchen Fach„rzten
zusammensetzen, der(sic) dann auf Grund der Unterhaltung, seine Teste macht.
Diese Unterhaltung setzt natrlich eine freiwillige Bereitschaft seitens des
Angeklagten voraus, denn sonst w„re der Test ja schlieálich auch wertlos.
Nun, ich will zu dieser Frage jetzt auch hier Stellung nehmen; und ich muá auf
eine kleine Sekunde in mein Elternhaus zurckgehen.
Meine erste Mutter starb sehr frh; mein Vater heiratete zum zweiten Mal. Er
muáte es, denn wir waren fnf kleine Kinder und es gab mit den
Wirtschafterinnen, K”chinnen und Stubenm„dchen, die in einer zweij„hrigen
,mutterlosen" Zeit den Haushalt meines Vaters zu fhren hatten viel Žrger. Wie
es schon so geht. -
Mit der zweiten Mutter, die selbst keiner jdischen Familie entstammte, kam aber
jdische Verwandtschaft in unsere Familie.
/41-42/ AE: 22
Tanten, Onkel, sp„ter Cousinen. Wenn man klein ist, dann w„chst man
automatisch in seine Umgebung hinein. Unsere Familie, nicht nur die engere, ich
meine die gesamte Sippschaft, geh”rte zu den seltenen Familienverb„nden, von
denen man behaupten konnte, daá niemand dem anderen seine W„sserchen trbte.
Es war ein fr”hliches, herzliches Verbundensein ohne Arglist, Lug oder Trug.
Egal, ob Jude, jdisch versippt oder Nichtjude.
/1. Zusatz von Seite gegenber: Meine Eltern und damit meine Familie war weder
judenfreundlich, noch judenfeindlich. Das Problem als solches, war eben ein
v”llig Familienfremdes gewesen; es stand niemals in irgend einer Form zu(sic)
Debatte./
Mein alter Herr selbst hatte u.a. auch Juden zu Freunden.
/2. Zusatz von Seite gegenber: W„ren es keine Juden gewesen, w„ren sie auch
befreundet gewesen. Mein Vater kmmerte sich um diese Dinge ebensowenig,
wie etwa, was es am Abend zu essen g„be./
Ich erinnere mich noch des jdischen Hopfenh„ndlers Taussig aus Urfahr bei
Linz. Ich glaube es war der Nachbar unseres damaligen Gartens am Hang des
P”stlingbergs. Und wir Kinder kamen zur Erdbeerzeit aus unserem Garten in
Taussig`s Gehege und schnabelten dort, mit seinem Einverst„ndnis und
Einladung, allm„lig(sic) die Erdbeerbeete leer, nachdem unsere schon l„ngst von
uns Kindern abgeerntet waren.
Ich war noch ein sehr kleiner Lausbub, aber ich erinnere mich zu genau, eines
anderen jdischen Freundes meines Vaters, der mir, war er Gast meiner Eltern,
auf dem Flgel stets sehr feurig die Marseillaise vorspielte /3. Zusatz von Seite
gegenber: und vorsang ,Allons enfants de la patrie"./ Er war gebrtiger
Franzose, aber l„ngst
/43/ AE: 23
naturalisierter ™sterreicher. In der Volksschule kam ich neben einem Juden zu
sitzen; wir wurden Freunde. Ich in seinem Elternhaus, wie das schon so geht, er in
dem meinen. Die Freundschaft hielt eigentlich lange an. Genau gesagt, bis wir uns
aus den Augen verloren, durch meinen Abgang von Linz a/Donau, im Jahre 1933.
Eingemale trafen wir uns auch auf der Reise, letztmalig in Grnau im Almtal, bei
einem Raseur. Es machte ihm offenbar nichts aus, daá ich das Abzeichen der
NSDAP angesteckt hatte und mir machte es nichts aus, daá er Jude war. Im
Gasthof tranken wir unser Getr„nk und kmmerten uns den Teufel ob Jude oder
Nichtjude. /6 Zeilen gestrichen, noch lesbar: Mein Religionslehrer, der
evangelische Pfarrer Tiebel in Linz, ein Junggeselle aus Ostpreuáen, erz„hlte uns
w„hrend des Religionsunterrichts oftmal von seinem Amtsbruder - wie er ihn
nannte - dem Rabbiner in [Ortsname]./ Noch als SS-Obersturmbannfhrer, káte
ich sehr herzlich meine halbjdische Cousine, die mich mit ihrem Vater in Berlin
auf meiner Dienststelle besuchte und man brach am Abend in einer netten
Weinstube in Berlin, einigen netten Flaschen den Hals.
Und warum sollte ich meine bildhbsche
/44/ AE: 24
zwanzigj„hrige halbjdische Cousine nicht káen, sagte ich zu meinem
,st„ndigen Vertreter", dem SS-Sturmbannfhrer Gnther; so was kann doch
unm”glich Reichsverrat sein. Er hatte diesbezglich strengere Auffassungen.
In Budapest hatte ich auch entfernte Verwandte sitzen. Meine dortige Cousine,
eine Psychiaterin, war mit einem jdischen Schuhindustriellen verheiratet, von
dem sie aber geschieden war und just um die Zeit, als ich 1944 nach Budapest
befohlen wurde, war sie mit einem jdischen Dozenten an der Universit„t
Budapest, verlobt.
Gemeinsam tafelten wir zu Abend. Meine Tante, meine Cousine, ihr jdischer
Verlobter und ich in der Uniform eines SS-Obersturmbannfhrers. So, wie es mir
mit den Juden in der Verwandtschaft meiner zweiten Mutter erging, „hnlich
erging es mir mit der Verwandtschaft meiner Frau bezglich der Cechen. Ich
feiere brigens in wenigen Tagen hier im Gef„ngnis in Israel, den dreiáigsten
Jahrestag unserer Verlobung; seit 26 Jahren bin ich verheiratet.
Die Verwandtschaft meiner Frau besteht aus Cechen und ehemaligen
™sterreichern, also B”hmen mit der Muttersprache Deutsch. Seit 1648 ist ihre
Familie in
/45-46/ AE: 25
Sdb”hmen ans„áig gewesen. Und ein Holzbalken im Hofe zeigt eine noch
frhere Jahreszahl.
Als ich dienstlich im Jahre 1939, nach Prag versetzt wurde hatte ich genau
dasselbe herzliche Zusammenleben mit meinen cechischen Schw„gern, es waren
die Ehem„nner der Schwestern meiner Frau, wieder aufgenommen. Der eine
davon war w„hrend der Zeit des(sic) cechoslovakischen Republik
Artillerieoffizier gewesen, der andere zur Zeit der Besatzung durch uns, aktives
Widerstandsmitglied und Kommunist. Seine Tochter, meine Nichte also, studierte
irgendwann nach 1945, Welthandel in Moskau.
Ich weiá, daá meine beide Schw„ger glhende cechische Patrioten waren und ich
achtete ihren Nationalismus. Ich h„tte mir eher die Zunge abgebissen, als das(sic)
ich sie angezeigt h„tte, oder selbst eine Verhaftung vornahm, zu der ich berechtigt
gewesen w„re. Die verwandtschaftlichen Bande waren st„rker als die zu meinen
G”ttern; obgleich sie auch durchaus nicht schwach waren.
Ich haáte weder den Cechen, noch den Juden, noch irgend jemanden anderen.
/Zusatz von Seite gegenber: Ich hatte auch nie von irgend jemanden(sic)
pers”nliches Leid erfahren./
Die ganze Erziehung die ich genoá feite mich darber hinaus vor solchen
Gefhlen. Ich kannte sie nicht. Ich lebte in einer Welt, die gegens„tzlich
beispielsweise von der, junger Corpsstudenten der schlagenden Verbindungen
/47/ AE: 26
war. Hier n„hrte(?) diese, der Geist eines Ritter von Sch”nerer mit seinen
antisemitischen Ges„ngen und Predigten. Hier wurde das Wort Arier, betont und
deutlich ausgesprochen, ein Wort, welches erst sp„t, sehr sp„t berhaupt in
meinen Wortschatz gelangte.
H„tte ich nicht innerhalb eines solch innigen und herzlichen Familienverbandes
gelebt, ein Verband, zu dem sich dann die Familien meiner Frau hinzugesellten,
m”glich daá auch ich von solchen Gedankeng„ngen angesteckt worden w„re.
Aber ich wurde es nicht und dies ist entscheidend.
/zweieinhalb Zeilen unleserlich gemacht/ Als in Linz einmal Pfadfinderfhrer, von
irgendeiner Tagung kommend in unserem sch”nen Landeshauptst„dtchen einige
Tage verweilten und die einzelnen ausl„ndischen Pfadfinder auf Brgerfamilien
aufgeteilt wurden, da brachte mein Vater einen franz”sischen Pfadfinderfhrer als
Gast mit nach Hause. Ich sprach um jene Zeit - genau wie mein zweit„ltester
Bruder Emil - recht ordentlich franz”sisch, da unsere Mutter, ein gutes
franz”sisch und englisch sprach und uns durch Conversation, die Sprache
mhelos eintrichtern wollte.
Dieser junge Franzose war ein pr„chtiger
/48/ AE: 27
Mensch und ich fhlte mich nach Art der Halbwchsigen glcklich, ihn zum
Freunde gewonnen zu haben. Wir verlebten gemeinsam frohe unbeschwerte Tage,
schwelgend in Romantik, Bubenfreundschaft und P”stlingbergroseng„rten und
tauschten unsere bndischen Lieder aus dem ,Zupfgeigenhansel" des
Wandervogels, und aus anderem aus. Und sp„ter, als auch fr mich die Franzosen
mit die Verk”rperung von Versailles schlechtwege wurden, selbst da gelang es
keiner Macht, in mir auch nur die leisesten Haágefhle gegen auch nur irgend
einen Franzosen als solchen zu erzeugen.
Und ich lernte eigentlich schon recht frh, daá das Einzelindividuum keinesfalls
zu identifizieren ist mit Nation oder Glauben oder gar Politik.
Die Worte Rasse, Volkstum und „hnliche gelangten gleichermaáen erst sp„t in
meinen Wortschatz, so wie ich es bezglich des Wortes ,Arier", schon feststellte.
Und auch da, klassifizierte ich das Verh„ltnis zwischen dem Individuum und den
fr mich neuen Begriffen nicht anders, als wie ich es bis dahin zwischen
Individuum und Nation tat.
Selbstverst„ndlich bin ich kein Heiliger; als w„hrend des Krieges der
Bombensegen ganze Stadtviertel in Null komma Nichts in Schutt und Asche legte,
und tausende Deutscher verreckten und ver-
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kamen, verschmorten und zerrissen wurden, da habe auch ich in der Hitze-
Leidenschaft ungez„hlte derbe und derbste Flche gegen die Bombenwerfer vom
Stapel gelassen.
Auch ich bin kein Heiliger und habe als die Israeler mit den Franzosen und
Engl„ndern Žgypten angriffen in der Hitze der durch die Presse entfesselten
Leidenschaften, derbe und derbste Worte gegen die Angreifer gebraucht. Ich bin
nicht anders als andere auch. Aber dies ist eben eine Reaktion die ausgel”st wird,
der man sich je nach Temperament hingibt und die dann mit Worten ihr Ende
findet. Dies bezieht sich weder auf den einzelnen Engl„nder, Franzosen, Juden
oder Nordamerikaner; weder auf den einzelnen Ruáen, Polen, Jugoslawen, noch
auf einzelne andere.
Sie ist - es kommt mir jedenfalls so vor - irgendwie natrlich; denn nur kranke
oder teilnahmslose Menschen, oder der Weise, die sind gefeit von(sic) diesen
menschlichen Schw„chen; andere nicht, besonders dann nicht, wenn sie
/Fortsetzung gestrichen und ersetzt durch Zusatz von Seite gegenber: anl„álich
der Beispiele die ich nannte, durch Zerst”rung praktisch, und durch die Presse
knstlich, in einem erweckt, ausgel”st werden./
So also konnte ich sagen, ich bin nie ein Antisemit gewesen, denn es stimmt. Und
w„hrend der sogenannten Kampfzeit der NSAP, nahm weder ich, noch die mir
geistig verwandten Meinesgleichen, den Judenbek„mpfungsprogrammpunkt der
Partei auch nur im leisesten ernst. Ja,
/51/ AE: 29
man beachtete ihn nicht einmal. Seinetwegen fhlte man sich ja auch in gar keiner
Form mit der Partei verbunden. Die Anziehungspunkte lagen, wie ich schon sagte,
auch fr mich, auf einem ganz anderen Sektor. Wenigstens war es so im
”sterreichischen Bergland. Ich beachtete ihn ebenso wenig und er war fr mich
ganz genau so bedeutungslos, wie die ,Bek„mpfung" der Kirche und Klerus.
------- ----------
Dies also war mein Ich, als ich meine Anfangszeit im SD-Hauptamt zu Berlin
verbrachte.
Unverbildet, unkompliziert, nicht faul und nicht fleiáig; und eine derbe
Kasernenhofschale nach auáen, schtzte mein Innenleben.
Zwar war meine T„tigkeit nicht nach meinem Geschmack, aber die steten
weltanschaulichen Hinweise auf Eid und Verpflichtung, lieáen in mir nach und
nach keine anderen šberlegungen mehr aufkommen.
Ich gehorchte und blieb meinen G”ttern verbunden, indem ich mich befehlen lieá
und gegen den Stachel nicht l”ckte.
-(4)-
Ein halbes Jahr nach meiner Versetzung nach Berlin, heiratete ich. Seit dem 15.
August 1931, war ich verlobt und die Hochzeit fand am 21. M„rz 1935 in Passau
statt.
Bis der M”belwagen meiner Frau aus der
/52/ AE: 30
Cechoslowakei nach Berlin kam, und die Zoll- und sonstigen Formalit„ten
erledigt waren wohnten wir - es waren etwa drei Wochen - in einer Pension und
bezogen dann ein nettes, kleines, einstockhohes Einfamilienh„uschen mit Garten,
in dem es sich ruhig und gemtlich leben lieá.
Tagsber schob ich meinen Dienst, mit der Gleichf”rmigkeit eines Uhrwerks und
Abends und Wochenende arbeitete ich im Garten oder wir rekognoszierten und
inspizierten in Berlin und n„here Umgebung herum.
Ich lieá mir ber einen Kameraden manches F„álein guten Pf„lzerweines aus
seinem Heimatgau kommen. Und je nach Witterung und Jahreszeit, verdrckte ich
manches Tr”pflein unter dem Schatten einer japanischen Blutbuche oder
innerhalb des geschmackvollen Mobiliars, dem Ausstattungsgut meiner Frau, im
Living(?). Ab dem Augenblick der Dienst fr mich vorbei war, lieá ich die G”tter
sein, wo sie waren und mein ausschlieáliches Interesse galt dem famili„ren
Beisammensein.
Meine dienstliche T„tigkeit war auch - wie ich zu sagen pflegte - zum
Knochenkotzen. Tausende von Freimaurersiegeln und Mnzen muáte ich
katalogisieren und einordnen; meine kmmerlichen, allerletzten Lateinreste
feierten in jener Zeit noch einmal fr”hliche Urst„nd. Mein Chef war
/53/ AE: 31
ein dienstgradgleicher, verbummelter Student an der Berliner Universit„t und
selbst Berliner; ungedient und nie bei der Truppe gewesen; aus der zivilen, bzw.
allgemeinen SS, kommend.
Er war als ,Museumdirektor", als Referent des Freimaurermuseums in der
Wilhelmstraáe 102 t„tig, und ich war ihm als einer seiner ,Sachbearbeiter"
zugeteilt worden. Viel Wrdezeigen und Dreischrittvomleibetaktik waren die
hervorstechensten(sic) Eigenschaften des ,Direktors", und wir Kasernhofblten
nahmen ihn gewaltig auf die Schippe. Besonders, wenn er mit tierischem Ernst
seine surrealistischen ,halbverwesten" Leichen aus Modellierpaste formte und sie
mit berdimensionalen Wrmern und Asseln garnierte. Und war ihm solch ein
Prunkstck gelungen, dann hinein in einen Sarg und aufgestellt, zur Schau; etwa
in den ,Andreassaal".
Und Professor Schwarz-Bostaunitzel, der stocktaube ehemalige Verteitiger(sic)
am Appellationsgerichtshof in Kiew, zur Zarenzeit, und nunmehrige Leiter der
Abteilung Freimaurerei des SD-Hauptamtes machte mit dem donnernden Baá
seiner Stimme und in seiner deutsch-russischen Aussprachsweise, die offiziellen
Besucher des Museums anl„álich der Fhrungen durch dieses, mit kurzem
Hinweis auf die ,Geschmacklosigkeit und das Verworren-Dekadente der
freimaurerischen Geistesverbildung" aufmerksam; nicht ohne
/54-55/ AE: 32
bissigen Nebenbemerkungen, wobei durch pl”tzliches Kopfheben sein spitz
auslaufender Knebelbart wie eine Parallele, zur Decke und Fuáboden gebracht
wurde und gleichsam als kleiner Keil von ihm abstand: ,und so etwas waren dann
Studienr„te und Studiendirektoren, verantwortlich fr die Erziehung unserer
Kinder", war sein sarkastischer Abschluá und seine /Fortsetzung auf der Seite
gegenber: Physiognomie erinnerte stark an einen eifernden babylonisch-
assyrischen Priester./
Ich sah, wie hier b”ser Heck-Meck getrieben wurde, um die Freimaurerei ad
absurdum zu fhren und dachte in meinem Sinn, na, wenn sie nichts anderes
finden und Wurmkram und Leichen mit Ton und Modellin pr„parieren máen,
dann scheint mir nicht viel dahinter zu sein. Ich hatte das Wort Freimaurerei zum
allerersten mal genau am 1. 4. 1932, geh”rt. Ich meine, wissentlich zum ersten
mal geh”rt, und das kam so:
Ich wurde durch Kollegen so etwa Anfang 1932 als Gast der Linzer ,Schlaraffia"
im ,Vereinshaus" zu Linz eines Ortsverbandes der sogenannten ,Allmutter-
Praga" eingefhrt. Kaufleute, Žrzte, Rechtsanw„lte, Knstler usf. z„hlten zu ihren
Mitgliedern. Der Brauch dort war witzig und das V”lkchen war harmlos-humorig.
Narrenkappen„hnliche Kopfbedeckungen, mit vielen Orden und
Verbandsauszeichnungen, zierten die K”pfe der Mitglieder. Einen ausgestopften
Vogel, einen Uhu, der in einer Ecke, auf bevorzugtem Platze aufgestellt war,
muáte man beim
/56/ AE: 33
Eintritt, die H„nde ber die Brust gekreuzt, und sich verneigend, begráen. Ein
Erzmarschall leitete den offiziellen Teil des Beisammenseins und Klavizimbel
hieá das Klavier. Na, wie ich schon sagte, harmlos-fr”hlich; Jude wie Christ saáen
hinter Bier und Wein, das heiát man h„tte nicht gewuát wer Jude war, wer Christ,
aber in so einer kleinen Stadt, kannten ja viele, Viele.
Am 1. 4. 1932 trat ich in die SS ein. Der damalige SS-Oberscharfhrer Dr. Ernst
Kaltenbrunner, Rechtsanwalt in der Kanzlei nach seinem Vater, war schon eine
bedeutende Pers”nlichkeit innerhalb der ”sterreichischen NSDAP. Er wollte
wissen, ob ich in irgendwelchen Vereinen oder Verb„nden w„re, wenn ja in
welchen und warum.
Und ich sagte ihm, daá ich als Gast bei den Schlaraffen verkehre. Raus aus dem
Freimaurerhaufen, das ist eine ganz gef„hrliche Bande, sagte er mir. Nun er war
damals noch nicht Chef der Sicherheitspolizei und des SD, noch kein General der
Polizei und der WaffenSS, und noch nicht Mitglied des Reichstages. Ich konnte
ihm daher sagen, von der Freimaurerei wáte ich nichts, da ich davon bisher nie
etwas geh”rt h„tte, aber eine gef„hrliche Bande ist es ganz bestimmt nicht, so viel
wáte ich inzwischen sehr genau. Kaltenbrunner und ich kannten uns schon viele
Jahre von der Straáe her.
/57/ AE: 34
Man gráte sich und sprach, so wie es der Tag und die Stunde mit sich brachte.
Unsere V„ter hatten gesch„ftlich ”fter miteinander zu tun.
Aber ich kann die ganze Sache kurz abtun, indem ich erkl„re, daá auf mein
weiteres Kommen als Gast bei der ,Schlaraffia" Linz gerade um diese Zeit herum
kein Wert mehr gelegt wurde, weil ich in vorgerckter Stunde und in vorgerckter
Laune, den ebenfalls um jene Zeit in vorgerckter Laune befindlichen
ober”sterreichischen humoristischen Schriftsteller Franz Resl, im Rosenstberl zu
Linz auf eine Flasche Wein eingeladen hatte. Er war Erzschlaraffe, ich war nur ein
lausiger Gast; ich war damals 26 Jahre alt und er so zwischen fnfzig und sechzig;
ich war ein Niemand, er aber war ein bedeutender Schriftsteller; wenn auch ber
™sterreichs Grenzen hinaus eigentlich wenig bekannt. Aber trotz allem: diese
meine Frechheit berstieg den Rahmen des Gewohnten. Dies war mein erstes
Erlebnis mit der ,Freimaurerei".
-(5)-
Obwohl also der Antisemitismus in einem der Parteiprogrammpunkte fixiert
wurde, blieb ich demgegenber unempf„nglich; nicht einmal aus Wissen oder
Wollen, sondern ganz einfach aus dem Grunde, weil er nicht zu meiner
Vorstellungswelt geh”rte, und weil ich nichts mit ihm anzufangen wuáte.
/58/ AE: 35
Zum vielen Bcherlesen hatte ich es in jenen Jahren nicht gebracht. Sehr zum
Kummer meines Vaters. Mit irgendwelchen ,ismen" hatte ich mich aus Indolenz
nicht auseinander gesetzt; und pers”nlich hatte ich keine Feinde; weder Juden
noch Nichtjuden.
Die Gnthersche Rassenlehre habe ich bis zum heutigen Tage nicht gelesen,
ebenso wenig den Rosenberg'schen ,Mythus des 20. Jahrhunderts" oder Mathilde
Ludendorff. Dem Mystizismus war ich nie verfallen. Fr mich haben bis zur
Gegenwart weder die klar„ugig-nordischen Rassevertreter das Licht, noch die
dunkel„ugigen Semiten die Finsternis oder umgekehrt verk”rpert. Ich habe
solches stets fr einen ausgesprochenen Kohl gehalten und halte solches noch
immer dafr.
Freilich, in dieser Vorstellung whlten und bohrten Himmler und andere. Auch
kleine Diener, wie besagter Professor Schwarz-Bostaunitzel, schwelgte in seiner
mystischen Vorstellungswelt und pendelte in seinen verschiedenartigen
geometrischen Figuren herum, um einem diese ganze Angelegenheit nach Art der
alten Alchimisten schmackhaft zu machen. Seine Diagramme, seine Pentagramme
und Hexagramme, dargestellt in den verschiedenartigsten Formen und
Bedeutungen geschmckt mit Dutzenden von weiteren Symbolen, fanden in
meinem wein- und bierfrohen Soldatengemt keinen Platz. -
Als ich um jene Zeit im SD-Hauptamt war, hatte Himmler einem solchen
modernen Alchimisten
/59/ AE: 36
in dem Park, in dem wir unsere morgendlichen Exerzierbungen absolvierten, ein
kleines Laboratorium eingerichtet. Er sollte darin Gold machen. Angeblich konnte
er es. Dieser Goldmacher hieá merkwrdigerweise Tausend.
Himmler war auf dem Wege, die SS zu einem Orden mit besonderem Brauchtum
zu formen, in dem sich Gedankengut der alten Germanen mit dem des Deutschen
Ritterordens, Materialismus, Romantik, Gottgl„ubigkeit und anderes mehr
mengte. Die Brauer dieses Gemisches saáen im SS Rasse- und
Siedlungshauptamt, und von dort aus wurde dieses Geistesgut in den Orden
gepumpt. -
-(6)-
Im Jahre 1936 sprach mich ein SS-Untersturmfhrer von Mildenstein an, der seit
kurzer Zeit ebenfalls im SD-Hauptamt t„tig war. Er hatte eine Judenabteilung
eingerichtet und suchte nun Personal, um seine Sachgebiete zu besetzen. Er
erz„hlte mir, daá er Diplom Ingenieur von Beruf sei, in Pal„stina gewesen w„re
und nun noch einen Sachbearbeiter gen”tige, ob ich Lust h„tte. Ich hatte Lust. Ich
h„tte alles angenommen um jene Zeit, wenn ich dadurch nur von meinen
verdammten Mnzen und Siegeln, die mir schon beim Halse heraushingen,
fortgekommen w„re.
Und so kam ich fort.
Die Abteilung hieá II 112; der Hauptabteilungschef blieb derselbe wie bisher,
infolgedessen war die Personalabteilung des SD-Hauptamtes nicht erst groá zu
befragen, sondern es brauchte
/60/ AE: 37
ihr lediglich eine formlose Ordnungsmeldung gemacht werden.
Herr v. Mildenstein hatte sich die Bearbeitung der Zionisten vorbehalten, ich hatte
die jdische Orthodoxie und ein dritter Mann die Assimilanten zu bearbeiten.
Dazu kamen noch drei Hilfskr„fte, als Schreiber und Aktenschieber. Herr von
Mildenstein leitete das Ganze. [1]
Meine erste T„tigkeit in diesem neuen Laden, war das Lesen eines Werkes von
Adolf B”hm. Es war eine ausfhrliche Schilderung des Wirkens und Wollens der
Zionistischen-Weltorganisation.
Ich sollte eine Kurzdarstellung des Inhaltes herausarbeiten.
Dies war meine erste bewuáte Kontaktaufnahme mit dem Judentum.
Mildenstein war ein liberaler und toleranter Geist; fern allem Fanatismus,
Mystizismus und Radikalismus; und aus der Znaimer Gegend, aus M„hren,
stammend; er war stets freundlich, ruhig, und hatte ein mildes Gemt. Er sah die
Judenfrage nicht vom rassischen und nicht vom religi”sen Standpunkt, sondern
einzig und alleine von der politischen Warte aus. Er war mein erster und zugleich
mein bedeutenster(sic) Meister und Lehrer auf diesem Gebiet und seine
Anschauungen von den Dingen habe ich mir zu eigen gemacht, da sie mich
beeindruckten und berzeugten. Ich habe diese Anschauung bis zum Ende
beibehalten.
Leider schied von Mildenstein bereits nach einigen Monaten aus. Er war einer der
/61-62/ AE: 38
wenigen, dem es gelang. Freilich, sein Beruf kam ihm dabei zu Hilfe, sonst w„re
es sicher nicht gegangen. Er war Straáenbaufachmann; als solcher erhielt er den
Befehl, in Nordamerika die Autobahnen zu studieren. Als er von seiner
Studienreise zurckkam, wurde er von irgend einem anderen Ministerium
vereinnahmt, da um jene Zeit der Reichsautobahnbau, mit aller Macht
vorangetrieben werden muáte.
/Abschnitt gestrichen, noch lesbar: Seine Stelle als Abteilungsleiter bernahm ein
junger Mann, der aber bereits nach kurzer Zeit zu(sic) Milit„r eingezogen wurde
und mit der šbernahme der Judenabteilung im SD-Hauptamt durch Wisliceny,
und sp„ter durch Six kam auf l„ngere Zeit eine gewisse Stabilit„t in den Laden./
/ersetzt durch Zusatz von Seite gegenber: Es wechselten dann in der Folgezeit
kurz hintereinander die Abteilungsleiter. Jeder hatte sein eigenes System soeben
als gltige Norm von sich gegeben, schon war er wieder abgel”st und ein anderer
trat an seine Stelle. Schlieálich bernahm Prof. Dr. Six die Zentralabteilung und
setzte einen seiner Vertrauten als Leiter der Abteilung ,Judentum", ein./
Es wurde im Laufe dieser Zeit mit der Anlage von Sachakten begonnen, eine
Sachkartei wurde aufgestellt, eine Generalaktenhaltung aufgezogen und laufende
Berichterstattung fr die Vorgesetzten, bildete die Hauptarbeit, der wir
nachzukommen hatten. Dem Berichterstattungswesen, waren alle anderen
Arbeiten unterzuordnen.
Himmler und Heydrich máen in jener Zeit auf ihren Nachrichtenapparat, dem
SD-Hauptamt, sehr stolz gewesen sein. Ein mir vorliegendes Dokument aus jener
Zeit, zeigt die stattgefundenen Besichtigungen auf, und man ersieht, daá
/63/ AE: 39
die Dienststelle innerhalb weniger Tage von 150 Offizieren der Kriegsakademie
besucht wurde, daá Heydrich den(sic) Reichsauáenminister v. Ribbentrop das SD-
Hauptamt zeigte, ferner sind 150 Offiziere des Reichskriegsministeriums
verzeichnet sowie der Besuch des Chef(sic) der jugoslawischen
Geheimpolizei. [2]
In jener Zeit bestand meine Hauptarbeit im Lesen von Fachzeitungen und
Zeitschriften sowie im Verdauen der einschl„gigen Werke. In rauhen Mengen
lagen die Zeitungen auf und ich „rgerte mich jedesmal, wenn ich die in
hebr„ischen Lettern gedruckten jiddischen Zeitungen sah, denn die konnte kein
Mensch lesen. Also ging ich eines Tages daran und kaufte mir in einer
Buchhandlung ein Lehrbuch zum Studium der hebr„ischen Sprache. ,Hebr„isch
fr Jedermann" hieá es und ein gewisser Samuel Kaleko hatte es verfaát. Nach
einem Jahr Selbststudium kam ich nicht mehr zgig weiter, auch war mir das
Alleinebffeln l„ngst zu langweilig geworden und ich suchte auf dem Dienstweg
um die Genehmigung nach, die weitere Unterrichtserteilung durch einen
Rabbiner, gegen ortsbliches Stundengeld von drei Reichsmark, zu gestatten.
Offenbar aus politischer Sorge, wurde mir diese Genehmigung nicht erteilt.
M”glicherweise w„re der Bescheid ein positiver gewesen, wenn ich gesagt h„tte,
dann sperrt man
/64/ AE: 40
eben einen Rabbiner solange ein, bis er mir die Sprachte vermittelt hat. Es wurde
ja in der damaligen Zeit durch die Geheime Staatspolizei am laufenden Bande
eingesperrt. Aber mir kam nicht einmal die Idee zu einem solchen Tun,
geschweige denn, daá es mir ein Vergngen bereitet h„tte, auf diese Art und
Weise, mir fehlendes Wissen zuzulegen. [3]
-(7)-
Jedes Jahr einmal, im Herbst, hielten die G”tter Heerschau. Sie stiegen von ihrem
Olymp herab und zeigten sich in breiter Front den Massen, die sie aufboten.
Milit„rparaden, Paraden der SA u. SS, Aufm„rsche der anderen
Parteiorganisationen. Konferenzen, Kongresse, Resolutionen, Ansprachen und
Paroleausgabe. Die Fhrung teilte ihren Gl„ubigen mit, was sie geschafft hatte
und was sie plante.
Es w„re ungerecht zu sagen, sie h„tte nichts getan. Sie lag wahrlich nicht auf der
faulen Haut. Und sie hatte in krzester Frist fr das deutsche Volk soviel getan,
besonders in wirtschaftlicher Hinsicht, daá der gewaltige, jubelnde Beifall der
Masse, echt war. So etwas an rauschender, impulsiver Begeisterung konnten(sic)
selbst Goebbels nicht knstlich hervorrufen.
Ich war zum ersten mal auf einem solchen Parteitag, der jeweils in Nrnberg
stattfand; ich wurde dienstlich dorthin
/65/ AE: 41
geschickt. Nicht um an Paraden und Aufm„rschen teilzunehmen, nicht um mir
Reden anzuh”ren und Versammlungen zu besuchen, sondern um
nachrichtendienstlich t„tig zu sein. Denn das SD-Hauptamt war um jene Zeit
nichts anderes, als eine einzige groáe, straff gelenkte und organisierte
Spionageorganisation. Sie war niemanden anderen unterstellt, als Himmler und
auf dessen Befehl, hatte sie ihr Grnder Heydrich, zu leiten.
Eine groáe m„chtige Boykottbewegung mit der Zentrale in Nordamerika k„mpfte
gegen das nationalsozialistische Deutsche Reich. Nicht grundlos; dies war selbst
mir damals schon klar geworden. Wenn wir w„hrend der Truppenausbildungszeit
aus irgendwelchen Grnden dermaáen geschliffen wurden, daá uns das Wasser
am Arsch zu kochen anfing, wie wir im rauhen Landserjargon zu sagen pflegten,
dann erzeugten die augenblicklichen Leiden in uns Landser frchterliche
Vorstellungen im Hinblick auf Vergeltung an die uns schleifenden Ausbilder,
nach der Dienstzeit. Zwar khlten diese furchtbaren Vors„tze nach beendeter
Tagesdienstleistung, nach dem Motto ,gehabte Schmerzen hat man gerne" ebenso
rasch wieder ab, als sie aufflammen konnten, und verbrannten bei einem oder
auch mehreren halben Liter Bier in der Kantinie(sic), restlos.
/66-67/ AE: 42
Aber wenn ich so sah, besser gesagt gelesen hatte, was die Abteilung I des
Reichsaussenministeriums an Judengesetzen seit 1935 erlassen hatte, dann konnte
ich die Boykottbewegung gut verstehen. Sie war eine ganz natrliche Reaktion.
Wenn ich bedenke, daá in jener Zeit, sich ein Berliner Rabbiner namens Prinz von
seiner Gemeinde verabschiedete, um nach Nordamerika auszuwandern und sagte,
er wolle drben mitarbeiten an der Schaffung eines m„chtigen Reservoirs aus dem
das Judentum Kraft und Hilfe erhalte, dann wuáte ich, der ich mich unter den
Zuh”rern befehlsgem„á befand, sehr wohl, was Prinz damit meinte; und ich
konnte ihm gar nicht Unrecht geben. Der anwesende Kriminalbezirkssekret„r
/Zusatz von Seite gegenber: der Geheimenstaatspolizeileitstelle Berlin/, welcher
die Versammlung auftragsgem„á zu berwachen hatte, verlieá sich auf mich und
ich mich auf ihn, bezglich einer allf„llig notwendig sein sollenden Aufl”sung
und Inhaftnahme des Sprechers. Ich tat nichts dergleichen, denn meine
šberlegungen verboten mir, mich diesbezglich an den Kriminalbeamten zu
wenden, da ich wie gesagt dem Sprecher von seinem Standpunkt aus gesehen
Recht geben muáte und es tausendmal tausend Prinzen gegeben hat, so daá eine
Inhaftnahme
/68/ AE: 43
eines einzelnen, das Problem ohnedies nicht l”ste. Gem„á dem Befehl den ich
erhielt, machte ich sp„ter meinen Bericht, indem ich alles wahrheitsgem„á
schilderte und auch meinen šberlegungen breiten Raum lieá. Ich habe nie wieder
etwas darber geh”rt; Prinz wanderte nach Nordamerika aus.
Ich hatte die Nrnberger Gesetze ja nicht geschaffen; nicht dabei mitgeholfen und
hatte auch als ausfhrendes Organ nichts damit zu tun, denn ich geh”rte einer
Nachrichteninstitution an und keinem exekutiv-t„tigen Polizeiapparat.
Daá die G”tter hier einem verh„ngnisvollen Irrtum anheimgefallen waren schien
klar, aber Auswchse gibt und gab es nach jeder Revolution und dann sagte man
sich immer noch, daá nie etwas so heiá gegessen werde, wie es gekocht wrde.
Selbst groáe Teile der Judenschaft sagten und dachten genau dasselbe. Und dann
sollte das Ziel der Maánahmen sein, die Auswanderung der Juden aus dem Reich
anzukurbeln; freilich waren diese Maánahmen dazu nicht sehr geeignet. Die
L”sung durch eine planvoll gelenkte Auswanderung ging auch mir in's Hirn ein.
Denn inzwischen hatte ich ja nun gelesen, daá die Juden im Laufe der Geschichte
in vielen europ„ischen L„ndern
/69/ AE: 44
dann stets als Sndenb”cke herzuhalten gehabt haben, wenn ber ihren Rcken
oder auf ihre Kosten, die Masse von augenblicklichen Schwierigkeiten oder
šbelst„nden irgendwelcher Art abgelenkt werden konnte.
Also war eine gelenkte und planm„áig organisierte Auswanderung von allen
šbeln, noch das kleinste; und dem abgewanderten Juden taten die Gesetze ja nicht
mehr weh. Viel schlimmer war es mit der Bedr„ngnis, denen(sic) sie unterworfen
waren, bis zur Zeit der Auswanderung. Aber ich konnte hier weder den G”ttern
noch ihren Unterg”ttern hindernd in den Arm fallen, dazu fehlte mir jede
M”glichkeit. Ich hatte auf meinem Sektor nachrichtendienstlich t„tig zu sein und
die erhaltenen Meldungen und Mitteilungen in Berichtsform auf dem Dienstwege
weiter zu geben. Meine Vorgesetzten verarbeiteten diese Mosaiksteinchen aus
vielen Referaten und Sachbearbeitungen kommend, zu einem Bild und legten es
den Unterg”ttern zur gef„lligen Kenntnisnahme vor. Dergestalt, konnten sich auch
die G”tter selbst jederzeit solche ,Bilder" betrachten.
Nun also war ich in Nrnberg. Es war das Jahr 1937. Festliche
Parteitagsatmosph„re, groáe gewaltige Sportfelder, Stadione, Hunderttausende
/70/ AE: 45
fassend, l„rmendes Gedr„nge in den alten, heimeligen Gassen und G„ss'chen
innerhalb der Mauern des mittelalterlichen Nrnberg. Das Rot der tausend und
abertausend Fahnen leuchtete im Schein der pr„chtigen Frh-Herbstsonne.
Ein Nachrichtenmann muá, will er etwas h”ren und Agenten, Mitarbeiter,
Vertrauensm„nner oder Zutr„ger, wie alle die Fachausdrcke auf diesem Gebiet
lauten, werben, berall herumkriechen. Zur damaligen Zeit waren es fr
unsereinen insonderheit die netten kleinen verrauchten biergeschw„ngerten
Br„ustuben in denen ganze Ausl„ndergruppen von den ihnen zur Verfgung
gestellten Betreuern gastlich bewirtet, gefhrt, eben so richtig betreut wurden.
Hier galt es also mit mehr oder weniger Glck, durch Verbindungen und
Beziehungen, Kontakt mit den Besuchern aus fernen L„ndern zu bekommen.
Aus einem Dokument, welches mir hier vorliegt entnehme ich folgende Worte,
die ich damals in meinem Dienstreisebericht u.a. verwendete:
,Der Groáteil machte den Eindruck von mehr oder minder fragwrdigen
Existenzen, die zum Teil von der fixen Idee besessen sind, als Fhrer von Parteien
und Organisationen in ihren L„ndern
/71/ AE: 46
einstmals berufen zu sein." Lediglich ein einziger fand ,Gnade vor meinen
Augen", ein nordamerikanischer Staatsangeh”riger, welcher ausgezeichnete
Verbindungen zu dem Leiter der ,Anti-Nazi-Liga", der Befehlsstelle der
Boykottorganisation gegen Deutschland, haben wollte.
Aber da dieser Fall auch nicht ganz klar war insbesondere bezglich der Frage ob
das SD-Hauptamt hierfr noch zust„ndig sei, bemerkte ich abschlieáend, daá ich
um Weisung b„te, ob der SD diese Angelegenheit selbst bearbeiten soll, oder ob
sie dem Propagandaministerium abzutreten ist.
Ich habe nie mehr etwas darber geh”rt, so daá ich annehme, daá meine
Vorgesetzten in ihrem Ratschluá entschieden, die Sache abzutreten. [4]
(8)
Einige Tage sp„ter, trat ich zusammen mit meinem mir vorgesetzten
Abteilungsleiter eine Dienstreise nach Pal„stina und Žgypten an. Der Zug brachte
uns durch Polen und Rum„nien nach Constanza und von hier aus ging es mit der
,Romania" nach Konstantinopel, Pir„us, Beyruth, Haifa und Alexandrien.
Moscheen, Akropolis, der Berg Carmel, das graeco-romanische Museum in
Alexandrien wurden besucht, ebenso das „gyptologische Museum in
/72/ AE: 47
Cairo. Die Pyramiden von Gizeh sahen wir ebenso wie die von Sakarat; die
ehemals heiligen Stiergr„ber; ein Abstecher in die „gyptische Wste ein anderer in
die lybische Wste wurde unternommen. Der vor 3 einhalb Jahrtausenden
verstorbenen(sic) Pharao Tutenchamon samt seinen Sch„tzen, welche dank der
Kunstfertigkeit der Arch„ologen ihrem langen Schlaf entrissen wurden und einer
staunenden Nachwelt zur Schau gestellt sind, erfreute auch mein Auge und
Wissen und auch ich konnte nur staunen. Staunen ber die hohe Kultur der
Menschen jener grauen Vorzeit und meine Gedanken verloren sich weitab vom
,Staats- und Gegenwarts-Bejahenden", in Zonen und Regionen, in denen die
Wandelbarkeit und das ewige Werden und Vergehen allen Lebens, ja schlieálich
allen Sein`s, die fhrende Rolle spielten. Alles eitle Hoffen und Streben, scheint
einem beim Anblick vergangener Jahrtausende, nichts als flchtiger
Menschentand zu sein; und ich beneidete in diesem Augenblick alle Arch„ologen
und Geologen, denen es meiner Meinung nach verg”nnt sein muáte, in solchen
Gedanken und šberlegungen ungest”rt Tag fr Tag schwelgen zu k”nnen, dieweil
es fr unsereinem(sic), im Trubel des Alltags, lediglich oasenhafte
Glcksmomente sein durften.
Aber unsere Chefs hatten uns ja nicht all dieser Dinge wegen auf Dienst-
/73/ AE: 48
reise geschickt sondern - wie immer - hatte die Sache ihren Grund in einer
informativen Bereicherung, in einer politischen Nachrichtensammlung.
Durch Vermittlung des Vertreters der offiziellen ,Deutschen-Nachrichten-
Agentur" in Jerusalem, Dr. Reichert, besuchte mich Monate vor unserer Reise, in
Berlin ein jdischer Funktkon„r auf Pal„stina. Gem„á Weisung meiner
Vorgesetzten wurde der Besucher zum Gast des Reichssicherheitshauptamtes
erkl„rt und ich erhielt den Befehl, ihn zu betreuen. Wir aáen zusammen in der
,Traube" am Zoo und unterhielten uns, denn jeder wollte ja vom anderen daá(sic)
wissen, was ihm an Wissen zu seiner gegenst„ndlichen Sache fehlte. Mein
Interesse galt dem zionistischen Leben in Pal„stina. Das Ende vom Lied war eine
Einladung des Gastes an mich, ihn in Pal„stina zu besuchen.
Ich erhielt Befehl, diese Einladung anzunehmen. So also kam es zur Reise, der
sich mein damals unmittelbar vorgesetzter Abteilungsleiter anschloá. Ich fuhr als
,Schriftleiter des Berliner Tageblattes" und mein Vorgesetzter als ,Student der
Auslandwissenschaftlichen Fakult„t der Universit„t zu Berlin", deren Dekan unser
gemeinsamer n„chsth”herer Vorgesetzter in jener Zeit war. Als Angeh”rige des
Sicherheitshauptamtes h„tte man ja damals
/74/ AE: 49
schlieálich und endlich auch fahren k”nnen, denn der mich Einladende wuáte ja,
wer ich war und letztlich hat es der englische Geheimdienst ohnehin
herausgebracht, aus welchem Nest diese beiden V”gel waren; genauso, wie uns
ein Mitglied des Secret-Service, oder ein solches des 2-eme Bureau, wenn sie
nach Deutschland kamen, in der Regel ja auch sehr schnell bekannt wurden. Man
tat sich gegenseitig nichts, man war sehr h”flich zueinander, nur man erleichterte
dem Kollegen von der anderen Seite nicht gerade seine Arbeit, oder wenn, dann
hatte es schon seinen besonderen Grund, der auf Gegenseitigkeit lag. Aber es war
ja schlieálich Frieden.
Wir waren etwa sechs Stunden in Haifa, und fuhren dann programmgem„á mit
unserem rum„nischen Dampfer nach Alexandrien und gedachten innerhalb der
n„chsten 14 Tage, drei Wochen, zum eigentlichen Pal„stina-Besuch zu starten.
Aber da bedauerte man es englischerseits, daá man nicht in der Lage w„re, ein
diesbezgliches Visum erteilen zu k”nnen. Gut, dann muá eben der Berg zu
Mohamed kommen. Dr. Reichert und der jdische Funktion„r wurden von uns
nach Žgypten eingeladen. Zu uns gesellte sich noch der Vertreter des DNB in
Cairo, so daá wir alle fnf Mann hoch eine ganz sch”ne Nachrichtenbande
bildeten.
/75/ AE: 50
Wir tafelten im Mena-Hotel, bei den Pyramiden von Gizeh und ferne von uns
waren ,Nrnberger Gesetze". -
Ich selber kam allerdings nicht auf meine Kosten bei dieser Dienstreise in den
,Nahen Orient", will ich den dienstlichen Sektor betrachten, weil ich das jdische
Leben in Pal„stina durch das englische Einreiseverbot ja nicht zu sehen bekam.
Privat und pers”nlich hatte ich durch die Flle des Erlebten eine sch”ne
Bereicherung erfahren.
Mein mir vorgesetzter Reisegef„hrte, ursprnglich aus dem Zeitungswesen
kommend, hatte mehr Erfolg in dienstlicher Hinsicht fr sich buchen k”nnen,
denn ihm gengten ja auch die wirtschaftlichen und politischen Meldungen, die er
aus erster Hand, soweit sie den Nahen Orient betrafen, bekam. [5]
Nun, nach diesem mehrw”chischem(sic) Aufenthalt in sonnigen Landen, kamen
wir wieder in die sp„therbstliche, ja fast schon winterliche Landschaft unserer
,Festung" Deutschland zurck. Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er auch
erz„hlen, heiát es; aber er kann auch Vergleiche anstellen. šber Italien und die
Schweiz fuhren wir nach Berlin zurck. Viel Tolernaz, viel Liberalismus sah ich
und es war daá(sic), was mir am meisten auffiel. Ich kannte es aus meiner langen
™sterreich-
/76/ AE: 51
zeit her; vom Elternhaus, aus der Schule, kurz das ganze Leben in ™sterreich war
ein einziges groáes Toleranzpatent gewesen, so wie Kaiser Joseph II es sich wohl
ertr„umt haben mag, will ich die Zeit bis etwa 1932, ansetzen.
Aber es war bei mir durch die inzwischen verlebten, ber fnf Jahre
Totalitarismus bereits leicht bertncht worden. Nicht ausgel”scht; im Gegenteil,
die Reiseerlebnisse verwischten wieder einen Groáteil der Tnche. Ich sah den
,Strmer" mit einem Male wieder deutlicher - obgleich er im SD-Hauptamt
weder gesch„tzt noch beachtet oder gelesen wurde; ich sah sein Herumwhlen im
Pornographischen; im verworrenen mittelalterlichen Mystizismus schlimmer
Pr„gung. Ich sah das Reichsinnenministerium bei seiner fleiáigen Gesetzes- und
Verordnungsfabrikation, die Geheime Staatspolizei bei ihren
Verhaftungsbefehlen, das Propagandaministerium bei der Herausgabe des
Verbotes fr Juden die ,Bank im Park" zu benutzen, das
Reichswirtschaftsministerium bei seiner T„tigkeit die Juden aus dem
Wirtschaftsleben auszuschalten und das Ausw„rtige Amt bei seiner
Behinderungsarbeit, bezglich einer an sich gewnschten Auswanderung der
Juden.
Das Reich, bzw. dessen Fhrung wollten es doch - so nahm ich stets an - und die
Mehrzahl der Juden trachtete im Hinblick auf die Lebenserschwerung dasselbe
/77/ AE: 52
Ziel anzustreben.
Und das Sicherheitshauptamt besorgte sich die Nachrichten und fabrizierte
Berichte. Das alles schien mir gleich wie eine Katze, welche sich in ihren eigenen
Schwanz beiát.
Da fand beispielsweise 1938 in Evian ein(sic) internationale Konferenz statt und
der britische Botschafter in Berlin sprach den Deutschen Reichsauáenminister v.
Ribbentrop darauf an, ob die Rechsregierung bereit sei, bei der L”sung der
Emigrantenfrage, insbesondere bei der F”rderung der Auswanderung von Juden
deutscher Staatsangeh”rigkeit, mit den brigen interessierten Staaten
zusammenzuarbeiten. Denn kein Land sei bereit, die auswandernden deutschen
Juden aufzunehmen, wenn sie mittellos w„ren. Ob daher die Reichsregierung
bereit sei, bei der Transferierung von Kapital in jdischen H„nden, mitzuwirken.
Nachdem die Reichsregierung einer F”rderung der Auswanderung eigentlich
grunds„tzlich keinerlei Hemmnisse in die Wege legte, h„tte man annehmen
máen, daá eine solche Anfrage seitens offizieller britischer Stellen, freudige
Zustimmung gefunden h„tte.
Nicht so bei Ribbentrop.
Er teilte dem britischen Botschafter mit, daá er eine Zusammenarbeit mit anderen
/78/ AE: 53
interessierten Staaten ablehnen máe, da es sich um ein innerdeutsches Problem
handele. Auch die Frage, ob Deutschland eine Transferierung von Kapital in
jdischen H„nden erleichtern k”nne, máe verneint werden.
Es k„me daher eine Zusammenarbeit mit den in Evian tagenden M„chten fr
Deutschland nicht in Frage. Der Staatssekret„r Weizs„cker schickte diese
Stellungnahme am 8. Juli 1938 an zehn in Frage kommende deutsche Botschaften
und Gesandtschaften, zur Kenntnisnahme ab.
Also, statt Auswanderungserleichterung, ein Handicap, eine Erschwerung. [6]
Statt dessen aber erging an alle diplomatischen und berufskonsularischen
Vertretungen im Ausland eine Aufforderung des Ausw„rtigen Amtes, ber alle
Regierungsmitglieder, Parlamentarier, Wirtschaftler, Wissenschaftler, hohe
Offiziere und Journalisten, soweit sie als jdisch, jdisch versippt, oder als
Freimaurer galten, zum Zwecke der Errichtung einer Kartothek, zu berichten. [7]
Und in einem Telegramm Kennedy`s an das Staatssekretariat in Washington vom
Dezember 1938, kommt Ribbentrop infolge seiner gegen das Judentum
geschleuderten, h”chst undiplomatischen Verbalinjurien, alles andere, als gut
weg. [8]
/79/ AE: 54
Wir Referenten im SD-Hauptamt, erhielten Anfang 1938 von unserem
Abteilungsleiter die Weisung, Material fr eine Denkschrift zusammen zu stellen,
in der darzulegen sei, daá die Judenfrage auf der augenblicklichen Basis nicht zu
l”sen ist, wegen finanzieller Schwierigkeiten usw., und daá man daran herantreten
máe, eine auáenpolitische L”sung zu finden, wie sie bereits zwischen Polen und
Frankreich verhandelt wurde. Ich schrieb damals folgendes:
1.) ,Das Ergebnis der Volksz„hlung abwarten."
2.) ,In 10 Jahren giebt(sic) es in Deutschland bei gleichbleibender Tendenz nur noch
etwa 60.000 Juden."
(Unter gleichbleibender Tendenz verstand ich die stagnierende Haltung des
Ausw„rtigen Amtes im Hinblick auf die Auswanderung von Juden, in Verbindung
mit der Verproletarisierung der Juden, durch die gesetzgeberische T„tigkeit der
hierfr zust„ndigen Zentralinstanzen.)
3.) ,Wenn die mittellosen Juden abgewandert sind kommen die Kapitalisten an die
Reihe, die durch wirtschaftliche Maánahmen bis dahin langsam entkapitalisiert
sein k”nnen, mit Hilfe von Stapomaánahmen."
(Darunter war zu verstehen, die von der Geheimen Staatspolizei in jener Zeit
durchgefhrten Beschlagnahmen und Einziehungen der Verm”genschaften).
/80/ AE: 55
So war der Status, so wurde es praktiziert. Es war die Katze, die sich ewig im
Kreise drehend in ihren eigenen Schwanz biá.
Ich schrieb dann weiter als Vorschlag:
,Sie ist ferner dann zu l”sen, wenn dem SD-Hauptamt keinerlei Hemmungen
auferlegt werden"; und ich nahm als Beispiel ein gerade in jenen Tagen
aufgetretenes Problem im Hinblick auf das Jugenderziehungsclearing. Ich lebte
damals gerade im Kampf mit den wirtschaftlichen Einschr„nkungen, welche den
Juden auferlegt wurden, worunter auch die auswanderungshemmenden
Devisenvorschriften z„hlten.
Ich vertrat den Standpunkt der ,arme" Jude will genau so gerne und so schnell
auswandern wie der ,reiche" Jude. Einem jeden war es lieber, je schneller, desto
besser; n„mlich das Ausland zu gewinnen. Und an sich wollte es ja auch die
Reichsregierung. Sei es aus Neid oder Knickrigkeit, sei es aus Dummheit oder
Unverst„ndnis, oder aus blindem Haá, die meisten dieser Stellen f”rderten diese
Auswanderung nicht, sondern hemmten sie; bewuát und unbewuát.
Was nutzte es, in Fragen des Jugenderziehungsclearings devisentechnische
Schwierigkeiten zu machen, die obendrein meistens nur formeller und rein
paragraphenm„áiger Natur waren? Weder dem Deutschen noch dem Juden war
dabei gedient.
Und warum muáte das Reich dem reichen
/81/ AE: 56
Juden das Geld abnehmen, und dem Reichsfiskus einverleiben, anstatt mit einem
Teil dieses Geldes die Auswanderung zu finanzieren. Natrlich - so dachte ich -
sollte der ,reiche" Jude mehr bekommen, denn es war ja sein Geld, aber ein Teil
seines Geldes sollte er zwecks Finanzierung der jdischen Kultusgemeinden und
der Finanzierung der Auswanderung verm”gensloser Juden zur Verfgung stellen.
Denn eine Auswanderung war teuer. Reisekosten, Vorzeigegeld usf. An Stelle
eines zehn Jahre langen elenden Dahintreibens, konnte nach meiner Idee eine
Auswanderung zgig und flott in die Wege geleitet werden und die Juden
dergestalt im Besitze ihrer Gesundheit und physischen Kraft neues Land betreten.
Einen durch jahrelanges, zermrbendes Warten krank Gewordenen, nahmen die
Einwanderungsl„nder ohnedies kaum auf.
Nein, so wie dies damals praktiziert wurde ging es nicht; und Ribbentrop irrte hier
sehr, obgleich er Reichsauáenminister war, und es h„tte wissen sollen. Bei jedem
Reisebroinhaber h„tte er sich dieserhalb besser informieren k”nnen, als bei
seinen Legationsr„ten und Unterstaatssekret„ren.
Auáerdem schlug ich in diesem L”sungsvorschlag als letzten Punkt, allmonatliche
Besprechungen in dieser Angelegenheit zwischen
/82/ AE: 57
allen an der Sache beteiligten Stellen vor, damit das hemmende Gegeneinander
innerhalb der Beh”rden in Fortfall k„me und schlieálich Zurverfgungstellung
von L„ndereien fr die Juden, und setzte dazu in Klammer, das Wort
,Madagaskar". [9]
Aber all dies war hoffnungslos, bei der Sturheit der deutschen Brokratie. Ich will
nicht einmal sagen deutsche Brokratie, eine jede Brokratie ist egal weg, gleich
stur. Nur die Nachrichtendienste aller L„nder neigen eher zur Beweglichkeit; es
liegt in der Natur ihrer Aufgabe.
Auch das SD-Hauptamt war um jene Zeit noch lange nicht so verbrokratisiert,
wie es sp„ter werden sollte. Natrlich verlangt eine jede Beh”rdenarbeit ihr Maá
an Schematismus, dies ist klar; aber er drfte keinesfalls zum Selbstzweck
ausarten.
-(9)-
Kurze Zeit nach der ,Wiedervereinigung ™sterreichs mit dem Deutschen Reich",
wurde ich nach Wien versetzt, um dort als Referent des SD-Oberabschnittes
,Donau", die Auswanderung der Juden lenkend zu betreiben. Es war Frhjahr
1938. Aber was sah ich, als ich nach Wien kam; ein zerschlagenes jdisch-
organisatorisches Gebilde. Von der Geheimen Staatspolizei geschlossen und
versiegelt. Die jdischen Funktion„re saáen in Haft. Die Juden wollten
auswandern, aber keiner kmmerte sich um sie.
/83/ AE: 58
Sie wurden von Beh”rde zu Beh”rde geschickt. Standen halbe Tage lang und
mehr Schlange, und muáten dann h”ren, daá diese Stelle seit gestern nicht mehr
fr ihren Fall zust„ndig w„re.
Systemlos, ordnungslos; das Resultat war Verdruá, Žrger und Verstimmung auf
beiden Seiten, wenn nicht noch Žrgeres.
Als erstes hielt ich den Assessoren und Regierungsr„ten der Staatspolizeileitstelle
Wien, Vortr„ge, wie sie am besten jede Auswanderung behindern und verhindern
k”nnen. Darber war nicht viel mehr zu sagen als wie: ,gleichbleibende
Tendenz". Dann entwickelte ich ihnen meinen von meinen Vorgesetzten
genehmigten Plan. Enthaftung der jdischen Funktion„re, Wiederer”ffnung all
jener jdischen Organisationen, soweit sie der Auswanderung dienlich waren.
Ferner die Genehmigung einer jdischen Zeitung in welcher alles Wissenswerte
ber die Auswanderung und der damit verbundenen Dinge zu lesen war.
Auftreibung von Reichsmarkbetr„ge(sic) zur Anfangsfinanzierung der jdischen
Organisationen, Einstellung von Hilfskr„ften und Errichtung jdischer
Wohlfahrtsstellen zwecks Betreuung der Kranken und Alten. -
Nach all den unwahren Vorwrfen, die ich in den letzten fnfzehn Jahren ber
mich habe ergehen lassen máen, mag es der Leser schwerlich glauben, daá ich
solches tat. Daher setzte ich jetzt im Anschluá an diese Zeile eine
/84/ AE: 59
Nummeration. Sie weist auf die Quellen hin. Und dies sind die Dokumente, in
denen alles viel ausfhrlicher steht, als ich dieses hier mit mageren Worten zu
schildern in der Lage bin. [10]
Als ich das jdisch-organisatorische Leben so in Gang gebracht hatte und bei der
Geheimen Staatspolizei - Wien, auf Verst„ndnis bezglich der ,neuen Linie" traf,
da bewarb ich mich um eine freigewordene Abteilungsleiterstelle beim SD-
Unterabschnitt in Linz a/Donau. In dieser Stadt wohnten meine Eltern, dort war
ich aufgewachsen. Nach dorthin wollte ich nun wieder zurck.
Freilich, es war die unterste Instanz innerhalb des Gebildes des
Sicherheitsdienstes, aber ich w„re wieder zu Hause gewesen und wer weiá,
vielleicht h„tte ich wegen šbernahme des elterlichen Gesch„ftes die
Genehmigung bekommen, meinen Dienst eines Tages zu quittieren. Schicksal. Ich
sage immer, es kann niemand ber seinen eigenen Schatten springen.
Denn mein Chef in Berlin Prof. Dr. Six hatte von meinem Vorhaben Kenntnis
erhalten und so schrieb er am 16. Mai 1938 meinem damaligen Vorgesetzten, dem
SS-Oberfhrer Naumann nach Wien, daá ich keinesfalls von Wien fortzugehen
habe, da er mich, falls ich in Wien nicht bleiben wolle, notfalls durch den Chef
des SD -Hauptamtes, wieder nach Berlin zurckversetzen lassen wrde.
/85/ AE: 60
Ja, so war es schon 1938; im Frieden. Ich war nicht mehr Herr meiner
Freizgigkeit; ich hatte zu gehorchen und daá(sic) zu tun, was mir befohlen
wurde.
Ich habe meinen S”hnen sp„ter oft und oft gesagt, seht zu, daá ihr nie Offiziere
werdet, denn dann seid ihr nicht mehr frei. Inzwischen war ich n„mlich l„ngst
zum Offizier avanciert und meine Verhaftung an die G”tter war noch bindender,
als vorher geworden.
Ich hatte also befehlsgem„á in Wien zu bleiben. Die Einschr„nkungen, denen die
Juden unterworfen wurden, waren immer fhlbarere. Das Amt des
Reichskommissars fr die Wiedervereinigung ™sterreichs mit dem Deutschen
Reich war fleissig t„tig, auch auf dem Sektor ,Juden", Verordnung um
Verordnung herauszugeben.
Die Beh”rden behandelten die Juden gelinde gesagt schroff und unsachlich,
gem„á den von h”heren Orten ergangenen Weisungen, sodaá der seine
Auswanderungspapiere komplett machen Wollende, hier nie auf einen grnen
Zweig kam. Denn ein Teil der Dokumente, wie zum Beispiel die ,Steuerliche
Unbedenklichkeitsbescheinigung" hatte lediglich eine Laufzeit von sechs
Wochen, nach der sie ungltig wurde und die Schlangensteherei zur Erlangung
einer neuen Bescheinigung, von vorne angefangen werden muáte. Dazwischen
/86/ AE: 61
aber wurden dann wieder andere Papiere ungltig, so daá es einer Schraube ohne
Ende gleichkam.
Die jdisch-politischen Funktion„re klagten mir ihre Not. Dr. L”wenherz, Dr.
Rottenberg und Kom. Rat Storfer hatten t„glich neue Anliegen, die sie mir
vorbrachten.
Die Anklage gegen mich sagte, daá die Dokumente es ja beweisen wrden, daá
ich fr alles, in des Wortes wahrster Bedeutung, die zust„ndige und
verantwortliche Stelle im Hinblick auf Judenfragen in Wien, gewesen w„re.
Obwohl es, wie ich sofort nachweisen werde nicht zutraf, so kann ich der Anklage
rein augenscheinlich, so Unrecht nicht einmal geben.
Denn man braucht ja nur einmal die Flle der von Dr. L”wenherz dem
Amtsdirektor der israelitischen Kultusgemeinde Wien gefertigten
Aktennotitzen(sic) ber die jeweils mit mir gehabten Rcksprachen in jener Zeit -
soweit es sich um solche handelt, welche damals, und nicht erst nach 1945
angefertigt wurden - vornehmen.
Er kam buchst„blich mit allem und jedem zu mir.
Nun, es liegt mir ferne, mich besser machen zu wollen, als ich war. Warum aber
mag L”wenherz, Rottenberg, Storfer und andere, hohe jdisch-politische
Funktion„re denn ausgerechnet zu
/87/ AE: 62
mir gekommen sein? Ich war zu jener Zeit im Range eines Leutnant, sp„ter
Oberleutnant und dann Hauptmann; es gab ja Stellen von entscheidenderer
Bedeutung. Meine Dienstellung(sic) war lediglich die eines Referenten bei einem
SD-Oberabschnitt; also nicht einmal im exekutiven, sondern nur im
nachrichtenm„áigen Dienst.
Mein Jargon soll hart gewesen sein, so sagen die Zeugen von 1960 und 1961. In
der Tat, ich muá es zugeben, mein Ton war kasernhofm„áiger Natur. Und
trotzdem weiá ich, daá er frei war von beleidigendem Tenor, frei war von
Rpeleien, frei war von Gebrll, kurz frei war von jener Begleitmusik, die der
Wald- und Wiesenzivilist zu gerne jedem ,Kasernhofton", unterstellt.
Wie denn w„re es sonst m”glich, daá man heute noch in einer solchen
L”wenherz'schen Aktennotitz(sic) lesen kann, wie er bei mir beschwerdefhrend
vorspricht und mir klagend mitteilt, die Juden wrden auf dem Wohnungsamt der
Stadt Wien, ,schroff" behandelt. [12]
Dies setzt doch voraus, daá die Juden weder von mir, noch von meinen mir
damals unterstellten Offizieren, Unteroffizieren und M„nnern, schroff behandelt
wurden.
Und berall dort, wo ich sachlich fr mich keine Zust„ndigkeit erblicken konnte,
/88/ AE: 63
ja darber hinaus nicht einmal die Polizei zust„ndig war, setzte ich mich an das
Telephon oder sprach bei der federfhrenden Beh”rde vor, um, auch dort in
meinem ,Kasernhofton", daá(sic) abstellend zu erbitten, was L”wenherz drckte.
Nicht immer gelang es mir; ich versuchte es.
Aber die jdischen Funktion„re muáten letztlich mit der Kasernhofpflanze
manierlich ausgekommen sein; denn auch sie konnten mit mir frei von der Leber
weg sprechen, ohne sich ihre Worte zehnmal berlegen zu máen, ehvor sie das
Gehege ihrer Z„hne verlieáen.
Und man konnte dies in jener Zeit nicht berall tun, ohne Gefahr zu laufen, dies
wuáten die Funktion„re. -
Das Reich drckte auf Auswanderung. Die Juden wollten auswandern. Und alles
was dem dienlich war tat ich, war ich zust„ndig fr den einen oder anderen Fall,
dann war es ohnedies klar; war ich nicht zust„ndig, dann wetzte ich ab, und
versuchte es zu erledigen.
So kam es, daá man mir in den Ohren lag, und mir die Sprnge eines lahmen
Amtsschimmels darlegte, der vor lauter Paragraphenreiterei berhaupt nicht mehr
geradeaus marschieren konnte. Und man schlug mir jdischerseits eine
/89/ AE: 64
gewisse Zentralisierung der beh”rdlichen Arbeit vor.
Na, dies war ja nun gerade daá(sic), wo man bei den Beh”rden, egal welchen
Landes auf unserer Erde, stets in das Fettn„pfchen trat.
So etwas, was ich mir nun durch mein Kasernhofgehirn gehen lieá, war auch in
der preuáisch-deutschen Verwaltungsgeschichte noch nicht dagewesen.
Ich dachte so in meinem Sinn, alles was beh”rdlicherseits mit der Ausstellung von
Papieren an auswandernwollende Juden, zu tun hat, ran(sic) unter ein einziges
Dach, und dann unter SD-Leitung. Dann muá doch solch ein verdammter
Reisepaá anstatt in 10 oder 12 Wochen oder noch l„nger, in gut und gerne 2mal
24 Stunden fertig sein k”nnen.
Gedacht getan. Ich meldete dies alles meinem Chef, dem Inspekteur der
Sicherheitspolizei und des SD, der in Personalunion gleichzeitig den SD-
Oberabschnitt ,Donau" fhrte.
Er machte die n”tigen Wege, fhrte die notwendigen Verhandlungen mit dem
Reichskommissar Brckel; und auf dem Verordnungswege wurde die
,Zentralstelle fr jdische Auswanderung in Wien", geschaffen, zu der alle in
Frage
/90/ AE: 65
kommenden Beh”rden ihre Sachbearbeiter abzustellen hatten.
Die Leitung hatte der SD-Fhrer des Oberabschnittes Donau. Ich wurde von ihm
mit der Durchfhrung der Aufgabe betraut, wie der Befehl es in der damaligen
Terminologie besagte. [13]
Tats„chlich wurden Reisep„sse jetzt in zwei, h”chstens drei Tagen fertig.
Einhundertdreiáigtausend oder einhundertvierzigtausend solcher Reisep„áe
konnten in etwa Jahresfrist ausgefolgt werden.
Nun, wenn die Anklage in dem Prozess gegen mich behauptet, es w„re eine
Zwangsauswanderung gewesen mit all ihren blen Begleiterscheinungen, so hat
sie damit eigentlich recht. Ich kann es auch nicht anders bezeichnen.
Aber zu bedenken w„re doch auch dieses: ich habe die for‡ierte Auswanderung ja
nicht befohlen, wenngleich ich sie unter den gegebenen Umst„nden als die noch
beste Alternative ansah und auch als beste L”sungsm”glichkeit im Hinblick auf
die von der Reichsregierung eingenommene Stellung, den Juden gegenber.
Die jdisch-politischen Funktion„re, mit denen ich ja am laufenden Bande diese
Angeheiten(sic) besprach, waren in Anbetracht der den Juden entgegengebrachten
Tendenz, ja derselben Meinung.
/91, 92/ AE: 66
Auf meinem eigenen Mist ist die Sache nicht gewachsen. Irgendwo her muá ich ja
die Anregungen bezogen haben. Von den Reichsstellen aber konnte ich solches
nicht beziehen; dazu brauche ich nur auf die offizielle Stellungnahme
Ribbentrop`s hinweisen. Und wenn man ferner sagt, ja damals ist weit und breit
von einer Vernichtung der Juden noch keine Spur gewesen und trotzdem hat
dieser Eichmann hier ein Auswanderungstempo vorgelegt, daá einer Sau grauste,
dann muá ich nur sagen, daá das Ergebnis alleine z„hlt. Und kein ,h„tte" und kein
,wenn" und kein ,aber".
Ich setze den Fall, die Auswanderung in jener Zeit w„re durch mich behindert
worden, wie die Ribbentrop'sche Haltung es ja automatisch im Gefolge hatte,
dann wrde man mir heute dieserhalb den Strick drehen.
Also wie man sieht, was immer ich auch tat, ,gefangen wird der Kerl auf alle
F„lle". - Hay que tener paciencia!
/Zusatz auf Seite gegenber: Hay que tener paciencia! (Man muá Geduld haben;
span. Sprichwort in Argentinien wird es fr alles Unklare gebraucht, hat also
eine(sic) spezifischeren Sinn, als die bloáe šbersetzung)/
Bueno, was tat sich in jener Zeit also weiter.
Die Paáausstellung und die dazu notwendigen Papierkramgeschichten liefen jetzt
in einer unkomplizierteren Maschinerie. Das Komplizierte, hatte ich l„ngst nach
Kasernenhofart abgeschliffen.
Aber die Auswanderung kostet viel Geld; sehr viel Geld sogar. Und woher sollte
man
/93/ AE: 67
solches bei der allgemeinen Verarmung der jdischen Massen nehmen. Sie waren
ja aus dem gesamten wirtschaftlichen und gewerblichen Leben, sagen wir es kurz,
aus allen Lebensgebieten schlechtweg, hinausgedr„ngt.
Da sollten Vorzeigegelder in Devisen vorhanden sein; die Reisekosten waren zu
bezahlen; fr die dringensten(sic) Untersttzungsf„lle muáten von der jdischen
Kultusgemeinde Wien ber ihr Wohlfahrtsamt Mittel aufgebracht werden; der
Beamten- und Angestelltenk”rper dieser jdischen Kultusgemeinde in der H”he
von etwa 500 K”pfen muáte bezahlt werden und vieles andere mehr.
Keine Reichsstelle half; allen war dieses schnurz und egal. Diese Stellen befahlen
nur ,Raus mit den Juden".
L”wenherz kam zu mir. Ich h„tte ja sagen k”nnen, was geht dies alles mich an.
Ich h„tte dieses schon viel frher sagen k”nnen. Vielleicht stnde ich heute besser
da, denn ich h„tte mich von Haus aus nie so tief in diese Dinge eingelassen. Ich
mochte L”wenherz und Rottenberg und Storfer gut leiden; sie mochten
zweifelsohne auch mich. So lernte man sich immer n„her kennen. Und so luden
sie alles bei mir ab. Alles. Buchst„blich alles.
Sie hatten in mir einen Menschen gefunden, der sie anh”rte; stundenlang, ohne die
Geduld zu verlieren. Nicht so wie sie
/94/ AE: 68
dies bei anderen Beh”rdenvertretern gew”hnt waren. Dazu kam dann, daá
dasjenige, was miteinander abgesprochen wurde, dann auch irgendwie tats„chlich
funkte.
Also, jetzt war der Geldjammer an der Reihe. Ich selbst habe kein Geld; ich
pers”nlich war immer schon verm”genslos gewesen und blieb es. Ich habe
keinerlei buchhalterische St„rken; Kontobcher und dererlei Dinge, sind mir stets
ein Greuel gewesen. Und ob ich pers”nlich hundert oder fnfhundert Mark in der
Tasche hatte, war mir egal. Ich hatte zum Geld kein pers”nliches Verh„ltnis. In
meinem Haushalt schaltete und wirtschaftete meine Frau; darber war ich froh
und so brauchte ich mich selbst um diese Dinge nicht zu kmmern.
Und jetzt auf einmal wurde ich mit solchem Greuel angegangen. Aber ich muá es
sagen, wenn es sein muá, dann befaát man sich auch mit Dingen, die man nicht
versteht. Und in meinem finanztechnischen Unverstand - denn nur solcher konnte
in seiner Harmlosigkeit solchen Dingen gegenber, so etwas zustande bringen,
was ich nun in die Wege leitete - stellte ich mir die Angelegenheit gar nicht
einmal so schwierig vor. Die jdischen Funktion„re muáten nur
/95/ AE: 69
in das Ausland fahren, dazu verschaffte ich ihnen die Genehmigung, von den
jdischen Hilfsorganisationen Dollars erbitten und damit nach Wien
zurckkommen. Dann verkauft die Kultusgemeinde einen Teil dieser
Dollarbetr„ge an Juden, welche noch viel Geld hatten zu einem Mehrfachen des
amtlichen Kurswertes und mit diesem Reichsmarkerl”s bezahlte sie Geh„lter fr
ihre Angestellten, Untersttzung, Reisekosten fr die verm”genslosen Juden und
gab ihnen jenen Dollarbetrag als Darlehen, welchen sie als Vorzeigegelder
ben”tigten.
Manche der Einwanderungsl„nder witterten darin ein Gesch„ft und erh”hten diese
nun laufend.
So war alles gut und sch”n, aber ich dachte nicht daran, daá wir unter strengster
Devisenbewirtschaftung standen.
Nun, auch dieses konnte ich dann endlich mit ,H„ngen und Wrgen" einer
Erledigung zufhren, indem ich den Reichsbankrat Wolf aus Berlin, er war im
Reichwirtschaftsministerium, in der Devisenbewirtschaftungsabteilung t„tig, nach
Wien eingeladen hatte. Wir kannten uns schon von Berlin her. Ich erkl„rte ihm
meinen Plan. Er besprach dann diese Angelegenheit mit seinem Staatssekret„r,
welcher sie genehmigte. Es war dies auch gut so,
/96/ AE: 70
denn mir wurde bereits vorgeworfen, daá meine Praktiken zu einer theoretischen
Unterbewertung der Reichsmark fhren máe(sic), indem hier der Dollar
gewissermaáen offiziell, zu Schwarzmarktpreisen in Reichsmark verh”kert
wrde.
Damit und wie man aus den L”wenherz'schen Aktennotitzen(sic) weiter
entnehmen kann, mittels anderer finanzieller Angelegenheiten, wurde der
geldliche Teil dieser Dinge erledigt. [14]
Am 10. November wurde von der politischen Fhrung des Reiches auf dem
j„hrlichen Treffen in Mnchen, am 9. Nov. 1938, als Vergeltung fr die
Niederschieáung eines deutschen Botschaftsrates in Paris durch einen Juden, zu
einer Vergeltungsaktion im ganzen Reichsgebiet aufgerufen.
Die offizielle Berichterstattung in jener Zeit durch den SD-Oberabschnitt Donau
zeigt dokumentarisch, daá, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die
Dienstellen(sic) der Geheimen Staatspolizei und des SD, scheinbar durch einen
Fehler in der Nachrichtenbermittlung, erst dann dieserhalb verst„ndigt wurden,
als die Synagogen und die H„user der israelitischen Kultusgemeinden bereits
brannten. Jdische Gesch„fte wurden zertrmmert und die Juden zu Tausenden
eingesperrt.
------ Die G”tter wandelten sich offensichtlich zu
/97/ AE: 71
G”tzen. Diese Befehle waren nicht nur unsinnig, sie waren verbrecherisch.
Die Gesetzesfabrikation, die sah derjenige nicht, der nichts damit zu tun hatte. Die
praktische Durchfhrung der gesetzlich verankerten Maánahmen, betraf nicht den
SD-Angeh”rigen, denn er hatte keinerlei exekutive Vollmachten.
Aber die folgen der ,Reichskristallnachtbefehle", die trafen in ihrer Unsinnigkeit
diesmal auch mich. Denn was ich mit Mhe in ™sterreich wieder aufgebaut hatte,
n„mlich ein funktionierendes jdisch-organisatorisches Leben, freilich mit
Blickpunkt auf Auswanderung, wurde in einer einzigen Nacht wieder zerschlagen.
Das Bromaterial, Karteikarten, Akten, die Auslandskorrespondenz, kurz alles
wurde ein Raub der Flammen. Dazu kam(sic) die Verhaftungen von Funktion„ren
der jdischen Organisationen. Ich tat interessenbedingt was ich konnte, um zu
retten was noch zu retten war. Aber viel war es nicht. Die Funktion„re bekam ich
allm„lig(sic) frei.
Ich erspare mir das Anfhren von Einzelheiten, denn es s„he mir zu sehr nach
Selbstbeweihr„ucherung aus. Ich muáte nun wieder einmal aufbauend t„tig
werden.
Scharfe und sch„rfste Bestimmungen gegen die Juden, hatten diese
Zerst”rungsbefehle obendrein zur Folge. Auch in finanzieller Hinsicht. Eine
Verfgung des Devisenfahndungsamtes in Wien besagte, daá Juden von ihren
/98/ AE: 72
Konten monatlich nur noch Betr„ge bis zum H”chstwert von vierhundert
Reichsmark abheben k”nnen.
Dies w„re fr den Betrieb der jdischen Kultusgemeinde ein vernichtender Schlag
gewesen, w„re diese Verfgung auch auf sie ausgedehnt worden.
Aber sie wurde ausgenommen und konnte von ihren Konten, Summen in jeder,
dem Bedarf entsprechenden H”he abheben. Die Zentralstelle fr jdische
Auswanderung gab bei Abhebung gr”áerer Betr„ge jeweils ihre Befrwortung
dazu. - [15]
Bei jungen Juden war oftmals der Nachweis ber einen erlernten praktischen
Beruf die Voraussetzung fr die Erteilung einer Einwanderungsgenehmigung.
Also muáten auch solche Stellen geschaffen, und hier bei den ”rtlichen Staats-
und Parteistellen um Verst„ndnis dafr geworben werden. Natrlich blieb auch
solches Bemhen, bei der uneinheitlichen Ausrichtung der diversen Amtstr„ger
schlieálich an mir h„ngen.
Da heiát es beispielsweise in einer Aktennotitz(sic) von Dr. L”wenherz ber eine
Rcksprache mit mir, am 9. M„rz 1939, ,Der Leiter des Pal„stinaamtes erhielt
den Auftrag einen Bericht ber die M”glichkeit der Errichtung einer
landwirtschaftlichen Hachscharah (Umschulung) auf dem Gute Markhof zu
erstatten und darauf
/99/ AE: 73
hinzuweisen, welche staatlichen und Parteistellen, fr und gegen die Errichtung
dieser Hachscharah sind."
In demselben Aktenvermerk von Dr. L”wenherz und Dr. Rottenberg heiát es dann
weiter: ,Herr SS-Hauptsturmfhrer Eichmann erkl„rte sich bereit, die Gebeine
Herzl's zwecks šberfhrung nach Pal„stina freizugeben, jedoch unter der
Voraussetzung, daá aus diesem Anlaá die jdischen maágebenden Organisationen
neue Einwanderungsm”glichkeiten fr 8.000 Personen aus der Ostmark verschafft
werden (sic), und beauftragte die Gefertigten, diesbezglich gelegentlich ihrer
Anwesenheit im Auslande, die erforderlichen Verhandlungen zu fhren."
Natrlich konnte ich hier nicht selbst freigeben. Wie jedermann weiá, sind fr
solche Exhumierungsgenehmigungen viele Wege bei den hierfr zust„ndigen
Beh”rden erforderlich. Und um jene Zeit der ,Nachreichskristallnacht", hatte auch
ich bei den verschiedensten Beh”rden, in allen Dingen wenn es sich um Juden
handelte, groáe Schwierigkeiten.
Es ist nachtr„glich immer sehr leicht, jemanden - ich spreche jetzt von mir - mit
diktatorischen Vollmachten ausgestattet darzustellen und die Konstruktion so zu
fhren, daá dieser Mensch dann
/100-101/ AE: 74, 74a
einfach in Bausch und Bogen verantwortlich fr alles gemacht wird. Es ist
interessanter, es liest sich leichter und es ist unter Umst„nden auch gar nicht
inopportun.
Nur - wieder meine Person herangezogen - es trifft nicht zu und ist daher nicht
wahr. [16]
Wenn ich heute, nach 22 Jahren so die Dokumente jener Zeit betrachte, dann muá
ich mich fragen, wie ein vernnftiger Mensch ausgerechnet mir Haá und
Vernichtungswillen unterstellen kann. Im Gegenteil, ich muá den jdisch-
politischen Funktion„ren gegenber doch sicherlich wohlwollend eingestellt
gewesen sein; frei ohne jeden pers”nlichen Haá, denn man k”nnte ja fast von
einem gegenseitigen dienstlich bedingten Vertrauen sprechen, daá(sic) unschwer
aus und zwischen den Zeilen jener Dokumente herauszulesen ist.
/Einschub Text von Seite gegenber:
Da kam einmal an einem Vormittag der von der israelitischen Kultusgemeinde,
Wien, mit brigen jdischen Beamten dieser Institution, in die Zentralstelle fr
jdische Auswanderung, eingebaute Jurist zu mir. Ein Dr. Sowieso; den Namen
habe ich vergessen.
W„hrend der Nacht hatte die Staatspolizei, Verhaftungen vorgenommen. Wir
besprachen das Ereignis und er meinte dann: ,frecher Judenlmmel greift
harmlosen deutschen L”wen an". Und im selben Atemzuge meinte er, aber er
wáe, zu wem er solches sagen k”nne.
Ich sagte ihm, da habe er zwar recht mit seinem Wissen, aber wenn er solches
anderw„rts anbringe, máe er sich nachher unter Umst„nden in einer Polizeizelle
sagen ,H„ttest du das Maul gehalten, w„rest du ein Weiser geblieben"; diese
šbersetzung hatte mir einer meiner Lateinlehrer fr ,Si tacuisses philosophus
mansisses" gegeben. Wohingegen einmal mein Maschinenbauprofessor anl„álich
einer Statikprfung zu mir sagte: ,Gehirn ausgeschaltet, Schnauze l„uft leer mit".
Und ich sagte dem Juristen, ich m”chte nicht gerne haben, daá er sich solche
Selbstvorwrfe eines Tages machen máe, weil uns beiden damit nicht gedient
w„re; denn es ,s„áe", und ich máte fr ihn intervenierend t„tig werden./
Aber meine Aufgabe soll es nicht sein, auf diese Stellen im einzelnen
hinzuweisen; m”gen dies Berufenere eines Tages tun oder auch lassen, mir ist es
egal. Ich war daneben f”rmlich so etwas wie eine Beschwerdestelle, zu der man
mit allen Anliegen kommen konnte, und ich wahrte sicherlich eine tendenzlose
Korrektheit gegenber den Juden und Nichtjuden; und ganz sicher kamen sie
nicht zu mir
/102/ AE: 75
voll, von pers”nlicher Angst.
Freilich l„át es sich nicht leugnen, daá sp„ter mit zunehmenden Kriegsgeschehen
die Verordnungen und Befehle auch meiner Vorgesetzten, welche ich an die in
Frage kommenden Dienststellen weiterzuleiten hatte stets sch„rfer und radikaler
wurden.
Aber noch war es in Wien nicht so weit. Wenngleich der zunehmende Druck der
staatlichen und parteilichen Leitung in ™sterreich, nach einer beschleunigten
Entjudung, stets fhlbarer wurde.
W„re ich wirklich der "Haáer", der ,Bluthund", der ,ordin„re Fletz" gewesen, so
wie mich manche Zeitgenossen nach 1945 gerne darstellten, dann wrde man dies
zweifelsfrei irgendwie sogar zwischen den Zeilen der L”wenherz'schen
Aktennotitzen lesen k”nnen, aber mir will wirklich scheinen, als ob es das
Gegenteil w„re. Ich spreche hier natrlich von den Dokumenten, die vor der
Beendigung des Krieges angefertigt wurden. Und dabei ist der Stil beispielsweise
von Dr. L”wenherz als durchaus trocken und sachlich zu bezeichnen.
Das damalige amtliche Deutschland, an seiner Spitze das Ausw„rtige Amt,
schufen eine ,Schraube ohne Ende", ,eine sich in den Schwanz beiáende Katze",
und es hatte schlieálich als seiner Weisheit letzten Schluá, kaum andere Befehle
zu erteilen als solche, wie sie zur Reichskristallnacht fhrten. Andere M„chte, zu
deren Sprecher sich in Berlin der britische Botschafter machte, erkl„rten, ,keine
Juden ohne Kapital".
Ja, in drei Teufels Namen, was sollte denn da noch an M”glichkeiten zur
Verfgung stehen. Ich habe es oft fast schon beweint, in jener Zeit meine
/103/ AE: 76
H„nde nicht in die Tasche gesteckt und die Stellungnahme vieler anderer, auch
mir zu eigen gemacht zu haben. Ich stnde wahrlich heute besser da.
/gestrichen: Bueno, ich habe sie aber nun einmal wie man sieht nicht ,in die
Tasche gesteckt". Ein weiterer Satz unleserlich gemacht./
/nachtr„glicher Zusatz zum Schluá des Abschnitts: Ob aber dann die Mehrzahl der
Juden aus ™sterreich h„tte auswandern k”nnen, m”gen andere berprfen./
Ich ging in Wien damals den Mittelweg zwischen jenen beiden Extremen,
n„mlich: der Auswanderungsbehinderung auf der einen Seite, verbunden mit
versch„rftem gesetzgeberischen Druck durch die amtlichen deutschen Stellen; und
der Erkl„rung des Auslandes andererseits, keine verm”genslosen Juden
aufnehmen zu wollen.
-(10)-
W„hrend des Prozesses gegen mich, wurde einige Male der Hitler'sche Ausspruch
in seiner Rede vor dem deutschen Reichstag am 30. Januar 1939 erw„hnt:
,Ich will heute wieder ein Prophet sein. Wenn es dem internationalen
Finanzjudentum in- und auáerhalb Europas gelingen sollte, die V”lker noch
einmal in einen Weltkrieg zu strzen, dann wird das Ergebnis nicht die
Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die
Vernichtung der jdischen Rasse in Europa." [17]
/zwei Zeilen unleserlich gemacht/
Es passt zum M„rchen ,der Protokolle der Weisen von Zion" und den
,Ritualmordm„rchen".
Natrlich ist das internationale private Groákapital zu einem guten Hauptteil
/104/ AE:
77
mitschuldig, ja urs„chlich verantwortlich an der Not der V”lker, fr den Kummer
und das Leid, als Gefolge der von ihm heraufbeschworenen Kriege. Aber t”richt
ist es, hier von einem jdischen internationalen Finanzblock sprechen zu wollen.
Soferne es sich hier um Juden handelt, die auch in den gewaltigen internationalen
Finanzkartellen mit drin saáen, handelte es sich ganz zweifellos um Juden, denen
ihr Judentum genau so wenig oder so viel bedeutete, als die katholischen oder
protestantischen Finanzmagnaten sich um Katholizismus oder Protestantismus
gekmmert haben m”gen. Das vorherrschende Charakteristikum gerade dieser
Juden war ihre assimilatorische Einstellung. Nicht immer zur Freude des wirklich
berzeugten Juden.
Nein, die internationale Hochfinanz war und ist mit das gr”áte aller šbel; daran
gibt es nichts zu rtteln. Aber hier den Tenor auf das Wort ,Jude" zu legen, heiát
die Sachlage verkennen.
Und Hitler verkannte die Sachlage, wie so oft, so verh„ngnisvoll oft; so auch hier.
/105/ AE:
77a
Ich will daá(sic), was ich eben sagte, genauer erkl„ren. Es m”gen die Jahre 1936
und 1937 gewesen sein; da ging eine Abteilung des damaligen SD-Hauptamtes
der Angelegenheit ,Internationales Finanzjudentum", Internationale jdische
Hochfinanz" nach. Ich pers”nlich hatte sachlich nichts damit zu tun, denn der
Schwerpunkt lag hier bei der ,Wirtschaftsforschung". Aber ich habe manche Akte
gelesen, die im Zusammenhang mit diesem Nachforschen entstand. Auch hatte ich
Gelegenheit, zu jener Zeit mit dem einen oder anderen hierfr zust„ndigen
Referenten ab und an ber diese Fragen zu sprechen. Ich entsinne mich noch, daá
gerade das Ergebnis der Untersuchungen ber den ,Unilever-Konzern" vorlag; es
war ein gewaltiges Margarine und Seifenkartell und es waren diesem noch weitere
groáe Unternehmungen angeschlossen. Seine wirtschaftlichen Verflechtungen
waren wahrhaft internationale. Seine Aktienpaketinhaber, wenn ich nicht irre auch
Teile seiner Verwaltungsratsvorsitzenden, waren zum Teil Juden, oft und oft
genannt, mit ebenfalls internationalem Klang. Ja, man sprach Teile des Unilever-
Konzernes direkt als Familiengebilde an.
Es stimmte auch, daá einzelne Namenstr„ger innerhalb dieses Wirtschaftsgebildes
lebhafte Beziehungen beispielsweise zur ,Anti-Difamations-Liga", zur ,Anti-
Nazi-Liga", zu dem Leiter der Boykottbewegung gegen Deutschland, Samuel
Untermyr, hatten und auch zu vielen anderen politischen und wirtschaftlichen
Zentren, wie das nun eben einmal so das Getriebe der Multi-Million„re in der
Hochfinanz, mit sich bringt.
Nun, meine Einstellung zur Boykottbewegung habe ich geschildert. -
Es konnte trotz eifrigen Nachforschens - der Hebel dieser Ermittlungst„tigkeit
wurde damals in Holland angesetzt und erstreckte sich auf eine ganze Reihe von
L„ndern, ein-
Fortsetzung siehe auf dem
Beiblatt No 1 !!!
/106/ AE: 77b
1. Beiblatt zur Seite 77a
schlieálich der USA, - nichts anderes ,gefunden" und festgestellt werden, was
nicht ebenso auch auf irgend einen Wald und Wiesenkaufmann, welche sich
dieser Boykottbewegung angeschlossen hatte, festgestellt h„tte werden k”nnen.
Sicherlich sind ihre finanziellen Untersttzungen grӇer gewesen, als die jener
minderer(sic) Bemittelten. Dafr aber auferlegten ihnen die Rcksichtnahme(sic)
auf ihre Wirtschaftsbetriebe ein ungleich h”heres Maá an Vorsicht und
Zurckhaltung, als solches die kleinen Leute notwendiger Weise zu beachten
gehabt h„tten.
Mit anderen Worten: nichts Belastendes ergab sich, was der Mhe wert gewesen
w„re, es lauthals in alle Welt hinauszuposaunen. Und das SD-Hauptamt saá
damals - wie man fachm„nnischerweise zu sagten(sic) pflegte - sehr gut im
Unilever-Konzern drin.
W„re wirklich etwas festgestellt worden, dann w„re dies unter Anfhren aller
Einzelheiten sp„testens bei der Besetzung Hollands durch Goebbels Vermittlung
einer internationalen Presse und sicher auch dem diplomatischen Korps in Berlin
bekannt gegeben worden; wie dies nun einmal so blich war. Daá es bis 1945
aber nicht geschah, ist eine Best„tigung der Richtigkeit meines Geschilderten.
Natrlich war es ein ,geflgeltes Wort", das internationale ,Finanzjudentum".
Aber man nehme doch einmal die Summe aller Multimillion„re
/107/ AE: 77c
mit Dollarbasis her, und dann sehe man nach wie hoch die Zahl der jdischen und
wie hoch die Zahl der nichtjdischen Dollar-Multimillion„re ist; unter Beachtung
der von ihnen vertretenen Dollarsummen.
Ebenso mache man es mit den Vorsitzenden der Aufsichtsr„te von
Unternehmungen, Konzernen und Kartellverb„nden, denen einige Bedeutung in
internationaler Hinsicht zuzumessen ist; zwar ist nicht unbedingt und
notwendigerweise Aufsichtsr„ten, Mitgliedern der Exekutivkomitees(sic) und
Vorsitzenden solcher K”rperschaften der Status eines Multimillion„rs
zuzusprechen, wohingegen ihr wirtschaftlicher Einfluá ein enormer sein kann.
Was sieht man? Sicher nichts anderes, als daá(sic), was auch wir seinerzeit im
SD-Hauptamt sahen. Die Zahl der Juden, war im Vergleich zur Zahl der
Nichtjuden sehr gering.
Der einzelne Konzern, der einzelne jdische Finanzmagnat, der einzelne
nichtjdische Aufsichtsratvorsitzende oder Dollar-Multimillion„r, vermochte
gegen das Reich nicht mehr zu unternehmen, wie eine Stecknadelspitze gegen
eine Elefantenhaut.
Erst in ihrer Zusammenballung, in dem Einigsein des Groáteiles der
internationalen Hochfinanz zur Zielerreichung, da wird diese Macht finster und
gef„hrlich.
Aber ab diesem Augenblick hat der Jude als solcher damit nichts mehr zu tun; er
ist nur noch ein Prozentsatz im Volumen ,Einhundert"; ein Prozentsatz, der
haushoch entfernt von einer Majorit„t ist.
/108/ AE: 77d
So war es jedenfalls in jenen Jahren, von denen ich spreche.
Und nachdem mir solches, als kleiner Referent bekannt war, um wieviel mehr
muáte es den Fhrungsspitzen bekannt gewesen sein. Denn fr sie wurden ja
diese Nachrichtenuntersuchungen gefhrt und an sie gingen ja die
Berichterstattungen.
Wenn ich sage, daá wir Referenten im Reichssicherheitshauptamt, bei einer
solchen Rede Hitlers, daher nur an die Erzielung einer propagandistischen
Wirkung glaubten, dann mag dies seine Richtigkeit haben. Am 30. Januar 1939
hat meines Erachtens in ganz Deutschland im Ernst niemand an eine physische
Vernichtung des Judentums gedacht. Der Gedanke selbst schon w„re auch zu
absurd gewesen; und ich wage dies zu behaupten trotz aller wirklich sehr scharfen
Maánahmen, welche bis dahin gegen die Juden Anwendung fanden.
Denn, daá jede Politik in allen L„ndern eine einzige groáe Lge und ein einziger
groáer Betrug ist, dies wuáte auch damals schon ein jeder Mensch in allen
L„ndern, sofern er nur Zeitung lesen konnte.
Der Jude wurde - wie schon so oft in seiner Geschichte - auch von der obersten
Fhrung des Reiches als Katalysator benutzt, an dem sich alle ihre Miáerfolge
und prophylaktisch auch alle eventuell kommenden Schwierigkeiten und
Ungelegenheiten, niederzuschlagen hatten.
An dieser Grundeinstellung hat sich nichts ge„ndert; so entstand das
Propagandabild der ,Protokolle der Weisen von Zion", so entstand das
,Ritualmordm„rchen", zu seiner Zeit. Es ist dies beileibe nicht erst meine
Einstellung zu den Dingen, seit ich hier als
/109/ AE: 77e
Staatsgefangener in einem israelischen Gef„ngnis sitze. Ich verdanke diese meine
Kenntnis im Wesentlichen der Erkenntnis meines Lehrer auf diesem Gebiet, dem
Freiherrn von Mildenstein. Er sah die Dinge leidenschaftslos und nchtern, so wie
sie in Wahrheit lagen. Frei von Mystizismus, frei von ,Strmerauffassung" und
frei von propagandistischen Truggebilden.
Die Richtigkeit seiner Auffassung konnte ich in langen Jahren, an Hand der
amtlichen Unterlagen best„tigt finden.
Daá der einzelne jdischen Finanzmagnat genau so schlecht oder genau so gut
wie der einzelne nichtjdische Finanzmagnat gewesen ist - und alle zusammen
noch immer so sein werden - ist eine sonnenklare Angelegenheit, hat aber mit
Judentum nichts zu tun.
Ich denke in diesem Augenblick an eine andere Geschichte, die man mir erz„hlte,
deren Glaubwrdigkeit oder Nichtglaubwrdigkeit sehr leicht nachzuprfen ist.
(Zusatz fr den Lektor: sollte es nicht stimmen, dann bitte diesen Absatz in
Fortfall kommen zu lassen. Der Gew„hrsmann, der es mir erz„hlte war ein zwar
gediegener Wirtschaftler, aber ich habe es mit eigenen Augen nicht amtlich
gesehen. Daher meine Vorsicht.)
Als dem Volkswagenwerk in Deutschland von der englischen Besatzungsbeh”rde
die Wiederingangsetzung des Betriebes erlaubt wurde, geschah dies mit der
Auflage, fr jeden verkauften Volkswagen ,Eintausend Deutsche Mark" an
England abzuliefern.
Dies ist zum Beispiel solch ein Raubzug der Hochfinanz. Konkurrenzneid und
Wirtschaftsangst diktieren hier dem einzelnen Verbraucher den mittelalterlichen
/110/ AE: 77f
2. Beiblatt zu 77a.
,Zehent" auf. Diese Summen flieáen netto in die Taschen der daran interessierten
englischen Kapitalistenkreise. Daá das englische Volk, der englische Arbeiter,
davon keinen Pfennig sieht, ist klar. Es ist der Tribut, den der Volkswagenk„ufer
dafr zu bezahlen hat, daá die englische Kleinwagenindustrie eben einen gewissen
Prozentsatz weniger Wagen abstoáen kann. Soviel ich weiá, haben Juden
beispielsweise hier nicht mit zu tun gehabt.
Aber man wird mir vorhalten, daá es doch unleugbar sei, daá den Juden im
Vergleich zu seiner Gesamtbev”lkerung in Deutschland, ein
unverh„ltnism„áighoher Anteil an Bank und B”rse, an Kunst, Schriftum(sic),
Film und Theater zukam; ferner am Handel im allgemeinen, an gewissen
Berufssparten wie Žrzten usf., auf dem Gebiete der Rechtssprechung und
Erziehung und was dergleichen nochmehr sein mag.
Jawohl, da muá ich sagen, daá dies stimmt. Und es war ja auch die Masche, in
welche die nationalsozialistische Propaganda immer wieder hineinhaute.
Es war dies wohl mit gewissen zeitgeschichtlichen Abweichungen in der einen
und anderen Form so, seit Jahrhunderten und noch l„nger.
Es fhrte diese Tatsache auch immer wieder mit zu Pogromen und
Wirtschaftsdruck auf die Juden.
Viele schlachteten diese Tatsache zu ihrem Vorteil aus; die Landesfrsten zum
Wohle ihrer
/111/ AE: 77g
Privatschatulen(sic); und die Politiker zum Fange der Stimmen die sie ben”tigten,
um ,an den Drcker zu kommen". Alle bentzten diese fr ihre pers”nlichen
Ambitionen willkommene Gelegenheit, um unter spekulativer Ausntzung
erwachter Neidtriebe im Menschen, ihr Ziel zu erreichen, daá(sic) sie sonst
mangels eigener Geistesgaben kaum oder viel schwerer h„tten erreichen k”nnen.
/ein Satz unleserlich gemacht/
Zweierlei Ursachen sind es, denen die Juden ihr Los zu beklagen hatten.
Die Jahrhunderte w„hrenden Exile, in welche die Juden lange vor der
Zeitenwende abgefhrt wurden. Nach Babylonien, nach Žgypten. Gewisse
Berufszweige waren ihnen hier gestattet, andere untersagt. Selbst in
Mittelalterlicher(sic) Zeit war es oft noch so. Und wenn man nachsieht, was ihnen
damals erlaubt war, betreiben zu drfen, dann waren es in der Mehrzahl der F„lle,
jene Berufe in welchen die Juden der Neuzeit einen grӇeren Anteil hatten, als es
ihrer Gesamtzahl zur Einwohnergesamtzahl entsprach. Es war ganz klar, sie
waren darauf zwangsl„ufig spezialisiert worden.
Zum anderen trug Schuld daran die Tatsache, daá den Juden die M”glichkeit zur
Eigenstaatlichkeit verwehrt war.
Und da nun jeder Nationalismus potenzialer Egoismus ist, so sollte anf„nglich das
Problem in Deutschland durch Auswanderung gel”st werden. Dies war nicht neu,
dies hatte zahlreiche Pr„zedenzf„lle in der Geschichte, ich erinnere nur an die
Judenaus-
/112/ AE: 77h
treibungen Isabellas der Katholischen. Die „uáeren Deklarationen der Motive
wechselten im Laufe der Zeiten. Das Motiv selbst blieb sich stets gleich.
/nachtr„glicher Zusatz: Ich pers”nlich wies stets und nachdrcklich darauf hin,
daá nur Eigenstaatlichkeit das Problem l”se. Aber hier unterlag ich
stellungsm„áig sowohl als auch im Kampf mit Lgen und Gegenpropaganda./
Und ich behaupte heute, daá das ganze menschliche Zusammenleben, zumindest
in seiner zweitausendj„hrigen neueren Zeit - aber sicherlich auch vordem - eine
einzige groáe und gewaltige Betrugs- und Lgensymphonie ist. Bernard Shaw,
der Menschenkenner und Sp”tter, erz„lt(sic) uns eine nette Geschichte:
,Sobald eine Lge popul„r geworden ist, daá(sic) werden alle M„rchen, ist es
unm”glich sie einzuholen, wenn sie einmal einen Vorsprung hat.
Von Lord Melbourne, dem Mentor der K”nigin Victoria, als diese den Thron
bestieg, erz„hlt man sich, er habe bei einer Zusammenkunft mit seinen
Ministerkollegen, mit seiner Person die Tre des Beratungszimmers verstellt und
ihnen zugerufen: ,Es ist mir ganz egal, was fr eine gottverdammte Lge wir
erz„hlen máen, aber nicht einer von Ihnen verl„át dieses Zimmer, bevor wir uns
auf eine und dieselbe gottverdammte Lge geeinigt haben."
So viel zu diesem Kapitel. -
_____________
/104+113, 114/ AE: 77+78
-(11)-
Die deutschen Panzer rasselten durch Prag. Die goldene Stadt an der Moldau.
>Slata Praha<, wie der Ceche zu seiner Hauptstadt, der baulich sch”nsten aller
mitteleurop„ischen Hauptst„dte, wenn nicht darber hinaus, sagt. Wer an der
Moldau steht und seine Blicke ber die steinernen Heiligen der Karlsbrcke,
hinauf zum Hradschin und Veitsdom gleiten l„át
und hierbei nicht dem Zauber der Jahrhunderte sinnierend erliegt, kann kein
Lebender mehr sein.
Ich kannte Prag noch aus tiefster Friedenszeit. Ich kannte Prag, als es noch zur
K.u.k.”sterreich-ungarischen Monarchie /verschrieben, Korrektur gegenber auf
S. 113/ geh”rte und ganz besonders verstehend und liebend lernte ich diese
reizvolle Feste an der Moldau in den Jahren 1931 bis 1933, kennen.
Aus den vertr„umten G„s'chen(sic) der Altstadt und des Hradschin, umwehte
einen der Hauch des Mittelalters; von Gewerbefleiá und Baukunst kndend.
Und tausend alte Sagen und mehr raunten sich durch das lauschende
/verschrieben, Korrektur gegenber auf S. 113/ Ohr. Und vergoldet leuchteten
hundert Trme und Kuppeln in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne.
Oh, wie liebte ich Prag.
Doppelt heimelig war sie mir, diese Stadt; als st„dtebauliches Kleinod und meine
Verlobte in jenen Jahren, meine sp„tere Frau, war obendrein in der
Cechoslowakei beheimatet.
In wenigen Tagen, werden dreiáig Jahre vergangen sein, seit jener Zeit, da ich
Prag zu lieben anfing.
________________
Mitte 1939 erhielt ich Befehl nach Prag zu fahren und mich bei dem dortigen
Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD, zu melden. Es sollte das
Spiegelbild der ,Zentralstelle
/115/ AE: 79
fr jdische Auswanderung, Wien", aufgezogen werden.
Genau war es der 28. Juli 1939, an dem in Prag die Zentralstelle zu arbeiten
anfing.
Bis dahin gab es noch keine einheitlich geregelte Auswanderung. Wer von den
Juden auswandern wollte, muáte sich die notwendigen beh”rdlichen Dokumente
selbst beschaffen. Damit ging er zur Durchlaáscheinstelle der Geheimen
Staatspolizei, die darber entschied, ob dem Betreffenden die Auswanderung
genehmigt wurde oder nicht.
Nach Errichtung dieser ,Zentralstelle fr jdische Auswanderung Prag", wurde
der jdischen Kultusgemeinde Prag bertragen, dafr zu sorgen, daá die
auswandernden Juden die gesetzlichen Voraussetzungen erfllten. Der
Durchlaáschein, der zum Verlassen des ,Protektoratsgebietes" berechtigte, wurde
nunmehr von dieser Zentralstelle ausgegeben. Es waren eine groáe
Anzahl Dokumente notwendig, um in jener Zeit in das Ausland auswandern zu
k”nnen und ich gehe kaum fehl, wenn ich sage, daá diese Anzahl fr Juden und
Nichtjuden so ziemlich die gleiche war. Dazu geh”rten:
1.) Wohnungsnachweis von der Polizeidirektion;
2.) Polizeiliches Fhrungszeugnis;
3.) Sichtvermerkerteilung durch den Oberlandrat Prag;
4.) Gesuch um Ausstellung eines Reisepasses, an die Polizeidirektion Prag und an das
Oberlandratsamt in Prag;
/116/ AE: 80
5.) Formblatt fr einen Auswanderungspaá, von der Polizeidirektion in Prag;
6.) Best„tigung des Magistrates der Stadt Prag, ber die Bezahlung der
Gemeindeabgaben;
7.) Gesuch an die Gruppe VII/Wirtschaft/ des Reichsprotektors;
8.) Gesuch und Fragebogen an die Steueradministration zwecks Erlangung einer
,Steuerlichen Unbedenklichkeitsbescheinigung";
9.) Ausgefllter Fragebogen des staatl. Gebhrenamtes;
10.)Antrag auf Mitnahme des Umzugsgutes an die Revisionsabteilung des
Finanzministeriums und an die Nationalbank;
11.)Verzeichnis des Umzugsgutes an die Revisionsabteilung des Finanzministeriums;
12.)Verm”gensbekenntnis fr das Devisenschutzkommando der Zollfahndungsstelle.
13.)Best„tigung der Bezahlung der Auswanderungssteuer, Abgaben bezglich des
Umzugsgutes usf. im Sinne der Regierungsverordnung No 287/1939;
und anderes mehr.
Wie man sieht, war es - nicht nur in Prag - alleine schon schwer, diese Vielfalt
von Bestimmungen zu erfllen. Fr den Einzelmenschen oft eine Qual. Es hatte
die Schaffung einer zentral